Bischof Rudolf Voderholzer äußert sich zur aktuellen Debatte um Ehe und Familie

25.06.2015

Auszug aus der Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer anlässlich seines Pastoralbesuchs in Hausen zum 100. Geburtstag der Pfarrkirche St. Georg 

Wenn wir jetzt in einem Vortragsaal wären oder in einer politischen Veranstaltung, dann würde ich beginnen mit „Meine sehr verehrten Damen und Herren“ oder „Liebe Genossinnen und Genossen“. Aber wir sind nicht in einer politischen Veranstaltung und wir sind auch nicht in einer Vortragsveranstaltung, sondern wir sind in der Kirche, und zwar als Pfarrfamilie. Deswegen spreche ich Sie so an: „Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, jugendliche und erwachsene Schwestern und Brüder!“

Den Grund dafür hat uns Jesus heute im Evangelium genannt: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3,35). Noch tiefer sind wir Schwestern und Brüder, weil wir in der Taufe seinen Geist empfangen haben und damit an seiner Sohnschaft, an seiner Kindschaft, teilhaben und gemeinsam in eine ganz neue und tiefe Beziehung zu Gott, seinem und unserem Vater eingetreten sind. Wir sind in der Taufe und in der Firmung seine, Jesu Christi, Schwestern und Brüder, Kinder des himmlischen Vaters und Tempel des Heiligen Geistes geworden. Deswegen sind wir in der Kirche wirklich eine Familie. Das ist nicht einfach nur so dahingesagt. „Liebe Schwestern und Brüder“, auch weil dieser Gruß manchmal unreflektiert gesagt wird, ist es gut, sich einmal seinen tiefen Sinn vor Augen zu führen.

 

Jesus weitet den Familienbegriff

Jesus hat den Familienbegriff geweitet. Er hat über die Herkunftsfamilie, über die Blutsverwandtschaft hinausgehend die geistige Verwandtschaft hochgehalten und die Volkszusammengehörigkeit auf die Menschheitsfamilie ausgeweitet. In seinem Geist darf die Kirche sie als eine große Familie repräsentieren. Es ist das Schöne an der Kirche, dass wir in ihr eine große Familie sind, und zwar über alle Sprachgrenzen, über alle Landesgrenzen, sogar über die Diözesangrenzen hinweg. Ja, wir sind eine weltweite Familie! In der Kirche ist niemand fremd. Nirgendwo ist man ein Fremder, wenn man zur Familie Jesu Christi, zur Kirche Jesu Christi gehört. Deswegen muss es auch möglich sein, am Sonntag in der Nachbarpfarrei in die Kirche zu gehen, wenn in der eigenen – aus welchen Gründen auch immer – keine heilige Messe stattfindet. Denn in der Nachbarpfarrei bin ich auch kein Fremder, und in Regensburg auch nicht, und in Rom auch nicht, und in Jerusalem – und wo überall Ihr im Urlaub hinfahrt –, nirgendwo bist Du als Bruder und Schwester Jesu Christi in der einen, großen Familie der Kirche ein Fremder. Wenn wir das nur immer leben würden und könnten, dass wir uns öffnen für diese große, weltweite Gemeinschaft der Kirche! Denn das bringt auch mit sich, dass wir verantwortlich sind für unsere Familienmitglieder in den Ländern, in denen die Christen verfolgt werden. Das darf uns allen nicht egal sein. Des Weiteren sind wir auch über die Grenzen von Generationen und der Zeit miteinander verbunden. Auch diejenigen, die vor uns gelebt, und zur Kirche gehört haben, sind unsere Schwestern und Brüder, und wir schließen sie heute ins Gebet mit ein. In gewisser Weise kann man sagen, dass Jesus Christus mit seiner Verkündigung und seinem Heilswerk, das uns in der Taufe und in der Firmung zugewendet wird, die Familie und vor allem auch die Volkszugehörigkeit relativiert.


Ehe und Familie: der Ort, an dem Staat und Gesellschaft ihre Zukunft erfahren

Aber daraus folgt natürlich nicht, dass Jesus Ehe und Familie überhaupt kritisiert oder gar abgeschafft hätte. Damit – Sie merken es – sind wir bei einem aktuellen Thema und das Evangelium nötigt mich geradezu, auch dazu etwas zu sagen. Es ist gegenwärtig ja so, dass fast nur noch die Kirche und in ihr die unverheiratet, zölibatär lebenden Priester, die Pfarrer und die Bischöfe das Ehe- und Familienideal, das sogar im Grundgesetz festgeschrieben ist, hochalten. In der öffentlichen Diskussion dagegen werden alle möglichen Formen des Zusammenlebens als der Ehe gleich dargestellt und als mögliche andere Formen von Familien deklariert. Aber, liebe Schwestern und Brüder, wir müssen in diesen Fragen vernünftig bleiben und zunächst konsequent von der Sache her denken. Niemand wird diskriminiert und niemand wird schlecht gemacht, wenn schon Politikerinnen und Politikern mit Verweis auf das Grundgesetz darauf hinweisen, dass es dem Staat schon um seines Selberhaltungswillens angelegen sein muss, Ehe und Familie durch entsprechende Steuergesetzgebung u. ä. in besonderer Weise zu schützen und zu privilegieren. Denn die Ehe von Mann und Frau und daraus resultierend die Familie ist der Ort, an dem Staat und Gesellschaft ihre Zukunft erfahren. Das ist der Grund, weswegen das Grundgesetz die Ehe von Mann und Frau und die Familie in besonderer Weise schützt. Darauf hat Frau Kramp-Karrenbauer, die Ministerpräsidentin des Saarlandes, in einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung am 3. Juni 2015 hingewiesen. Wenn man diesen traditionellen Begriff von Ehe als einer Verbindung von Mann und Frau durch die bloße Kategorie der Verantwortungsgemeinschaft ersetze, so die Ministerpräsidentin, dann haben natürlich auch andere Beziehungen das Recht, staatlich geschützt und gefördert zu werden. Das könnte jede Ordensgemeinschaft betreffen, und natürlich auch Geschwister, die sich umeinander kümmern und Eltern und Kinder im vorgerückten Alter. Das müssen auch nicht unbedingt nur zwei Menschen sein, sondern es können auch drei oder vier oder sogar eine ganze Gemeinschaft sein. Irgendwann einmal sind alle in besonderer Weise wegen ihrer Verantwortungsübernahme für andere zu schützen. Wenn jeder privilegiert wird, ist niemand mehr privilegiert. Aber das meint das Grundgesetz nicht und das sehen auch die großen Kulturen der Weltgeschichte anders. Die Verbindung von Mann und Frau und daraus resultierend die Nachkommenschaft sind der Ort, wo ein Volk und auch die Kirche ihre Zukunft geschenkt bekommen. Und deshalb verdient diese Form von Verbindung den besonderen Schutz und das besondere Privileg der Gesellschaft. Staat und Gesellschaft werden aus der Ehe „geboren“. Das hat zunächst mit Theologie, Glaube und Kirche gar nichts zu tun, sondern ist Sache der Politik, des Grundgesetzes, der Staatsräson. Ich finde es sehr bedauerlich, dass man Frau Kramp-Karrenbauer öffentlich so fertig zu machen versucht. Denn sie hat meines Erachtens vollkommen zu Recht auf die wahren Sachverhalte hingewiesen. Und nachdem wir heute auch viele Politikerinnen und Politiker unter uns haben: Ich kann sie nur bitten, sich nicht vor der absehbaren öffentlichen Diffamierung und Einschüchterung zu fürchten. Es geht um nicht weniger, als um die Zukunft von Staat und Gesellschaft. Und darum müssen die Ehe als eine Verbindung von Mann und Frau und die Familie, die aus ihr hervorgeht, in besonderer Weise geschützt und privilegiert bleiben.

 

Die Ehe ist ein Sakrament

Natürlich hat Jesus Christus die Ehe zwischen Mann und Frau in einer besonderen Weise noch einmal geheiligt, indem er sie als Zeichen seiner Liebe und Barmherzigkeit zu den Menschen ausgewiesen hat. Die Ehe von Mann und Frau ist nach katholischem Verständnis ein Sakrament, ein heiliges Zeichen, das in der Gnade Gottes auch die Liebe und Zuwendung des Schöpfer- und Erlösergottes zu den Menschen gegenwärtig macht. Und wo sollten denn die Kinder und Jugendlichen eine Ahnung davon her bekommen, dass Gott wie ein liebender Vater und wie eine liebende Mutter ist, wenn nicht durch das Leben von sich liebenden und unbedingt treu bleibenden Vätern und Müttern. „Wer das Wort Gottes hört und befolgt, ist mir Schwester, Bruder, Mutter“ (Mk 3,35). Interessanterweise spricht Jesus nicht auch vom Vatersein. Denn wir alle haben nur den einen Vater und das ist der Vater Jesu Christi und durch ihn sind wir alle seine Kinder, seine geliebten Söhne und Töchter. Und dass sich die leibliche Familienzugehörigkeit und die geistige Familienzugehörigkeit nicht ausschließen, dafür ist Maria, die Mutter Jesu Christi das beste Beispiel. Denn von ihr gilt in besonderer Weise, dass sie das Wort Gottes gehört und befolgt hat. Und in ihr hat sich die Verheißung, die wir in der Lesung gehört haben, erfüllt, dass nämlich Feindschaft gesetzt ist zwischen der Frau und der Schlange (vgl. Gen 3,15). Mit dieser Frau ist Maria gemeint und ihr Sohn hat der Schlange, hat dem Bösen den Kopf zertreten und dadurch die Menschheit im Grunde von Sünde und Schuld befreit, indem er dem Versucher den Garaus gemacht hat. So ist es in vielen Bildern dargestellt, die uns Maria mit Jesus auf dem Arm zeigen, der mit dem Kreuzstab den Kopf der Schlange zerstößt und zertritt. 

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