Glaube und Wissen – das Verhältnis elektrisiert. Albertus magnus hat eine besondere Stellung unter den Heiligen

15.11.2016
Diakon Sigmund Bonk assistierte Bischof Voderholzer am vergangenen Samstag, als das Cusanuswerk das 60-jährige Jubiläum in St. Kassian Regensburg feierte.

Albertus Magnus - am 15. November ist der Gedenktag des Heiligen. Aus diesem Anlass haben wir uns eingehend mit dem Kirchenlehrer und Dominikaner beschäftigt: Im Videobeitrag sind wir den Wirkungsstätten Alberts im Bistum nachgegangen. Im ausführlichen folgenden Interview erfahren Sie mehr über die Bedeutung Albertus Magnus' für die heutige Zeit.

Prof. Dr. Sigmund Bonk ist Leiter des Akademischen Forums Albertus magnus der Diözese Regensburg. Anlässlich des Gedenktags des heiligen Albert (etwa 1200 bis 1280) am 15. November spricht er über dessen Bedeutung und über die Frage, wie sich Seelsorge für katholische Akademiker in den vergangenen Jahren geändert hat. Außerdem legt Prof. Bonk, der im Fach Philosophie habilitiert ist, dar, was die Frage nach dem angemessenen Weltbild und nach den menschlichen Bedürfnissen mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu tun hat. Er sagt, dass es zu wenig ist, den Menschen in ein gesamtgesellschaftliches Setting zu bringen, in dem er im Wesentlichen auf das Tolerieren seltsamer Lebensentwürfe und -verwirklichungen und das gleichzeitige Konsumieren beschränkt wird. Und Prof. Bonk, der Diakon ist, deutet an, dass hier Möglichkeiten für die Kirche bestünden, den Sinn anderer Lebenswege zu verdeutlichen.

 

Herr Prof. Bonk, lieber Sigmund, welche Bedeutung hat der heilige Albertus magnus für den Akademiker heute?

Albertus Magnus verbindet Heiligkeit und Kirchlichkeit mit einem großen Ruf als Wissenschaftler und Gelehrter, der ihm völlig zu Recht zukommt. Er ist nicht nur ein Grenzgänger, sondern sein Werk bildet ein ideales Zentrum zwischen Kirche und Universität. Nicht zuletzt aus „seiner“ Domschule in Köln entwickelte sich dort die Universität zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Frömmigkeit und Wissenschaft. Ich denke, dass das ein großes Thema gerade auch unserer Zeit ist, nicht nur in Bezug auf unsere christliche Kultur hier in Bayern, sondern sogar weltweit. Religiös sich verstehende Menschen – „homines religiosi“ – und eher aufgeklärt, wissenschaftlich, naturwissenschaftlich sich definieren wollende Menschen, können gar nicht anders als in einer gewissen, harmoniegeprägten Toleranz miteinander auskommen, wenn sie dauerhaft in Frieden zusammenleben wollen.

Was ist in diesem von Dir genannten Sinne Wissenschaft?

Für lange Zeit ist Wissenschaft von Platon her gesehen „theoria“. Das ist etwas, das mit der Kontemplation des Ewigen, des Vollkommenen zu tun hat, mit dem metaphysischen Bedenken der Urgründe der Wirklichkeit verbunden ist, auch mit dem letzten Sinn  und Ziel der Realität. Wissenschaft war immer zuerst oder zumindest zugleich durchsättigt und durchtränkt von großen, auch religiösen Fragen. Mit Francis Bacon und Galileo Galilei ändert sich das. Wissenschaft ist von da an eher etwas Utilitaristisches. Es geht nicht mehr um die Kontemplation der reinen und ewigen Wahrheiten, sondern darum, das Leben in dieser Welt, im Diesseits, angenehmer und technisch effizienter zu machen. Eschatologie wird innerweltlich verstanden, der so folgenreiche Begriff des Fortschritts erscheint. Wissenschaft bekommt dadurch eine Art dienende Funktion in Bezug auf die Technik, in Bezug auf die Wirtschaft, in Bezug auf die „Einhausung“ des Menschen in diese Wirklichkeit insgesamt. Wissenschaft wird hier instrumentell verstanden.

Was würdest Du kirchlich Verantwortlichen raten, um den Impuls aufzugreifen, der von Albertus Magnus ausgeht?

Ich werde freilich schwerlich in die Situation geraten, Bischöfe zu beraten aber: Der Weg, den ich als den richtigen vermute, sähe so aus, dass man die Erwachsenenbildung, besonders auch die Bildung derjenigen Erwachsenen mit akademischem Hintergrund, intensiv fördert und das ganze Unterfangen in seiner Bedeutung wirklich ernst nimmt. Schnell fällt einem da das Wort „Multiplikatoren“ ein, das mir aber nicht so sehr liegt. Um diesen funktionalen Aspekt geht es freilich auch. Aber es geht vor allem, glaube ich, darum, dass man möglichst vielen Menschen mit Hilfe von Vorträgen, Seminaren, Tagungen, Veröffentlichungen, auch Zeitschriftenartikeln verdeutlicht, dass es alles andere als ausgeschlossen ist, zugleich ein akademisch-wissenschaftlich orientierter Mensch zu sein und ein Mensch, der fest im Glauben steht. Das ist ja auch das große Thema von Papst Benedikt. Joseph Ratzinger geht in vielen Schriften immer wieder darauf ein, dass das eine das andere sogar ordert, als Ausgleich, als Inspirationsquelle, nicht zuletzt auch als Grenze (Der intellektuelle Weggefährte des Papa emeritus, Robert Spaemann, hat einen Sammelband mit seinen kleineren Schriften „Grenzen“ übertitelt). Die Religion, die Theologie, auch die Volksfrömmigkeit, sie alle benötigen bestimmte Grenzen. Es darf die so wichtige Begeisterung nicht zu sehr ins Kraut schießen. Hier ist die Wissenschaft, vielleicht auch die Philosophie, ein Korrektiv. Anderseits braucht auch die Wissenschaft bestimmte Grenzen.

Der Heilige Albertus Magnus.

Bereits in der Vergangenheit gab es Institutionen zur Verdeutlichung dieses Verhältnisses von Glaube und Wissen: die Akademikerseelsorge, Vereine und Verbände auf verschiedenen Ebenen. Wo hat es denn da einen Bruch gegeben?

Was sich lange angekündigt hatte und was doch immer auf eine überschaubare Anzahl von Intellektuellen beschränkt blieb, ein gewisser latenter, zum Teil sogar offensiver, in Einzelfällen radikalisierter und aggressiver Atheismus, was also in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts nur wenige für sich beanspruchten, derartig starke Geister („esprits forts“) zu sein, dass sie ohne den Gedanken an Gott und ohne den an ein Dasein nach dem Tode leben könnten, das ist jetzt zu einem Massenphänomen geworden. Das ließe sich historisch relativ leicht festmachen. Der große Aufbruch des Zweiten Vatikanums wurde durch die Zeit konterkariert, die man mit dem Schlüsseljahr 1968 in Verbindung bringt. Was also noch kurz vorher, von 1963 bis 1968, sehr hoffnungsvoll begann – ein neuer Frühling in der Kirche – , wurde überbrüllt und an die Seite gedrängt als eine viel zu kleine Reform, die lange nicht weit genug gehe. Es hieß dann, wir bräuchten nicht eine erneuerte Kirche, sondern überhaupt eine neue Gesellschaft. Man meinte, man sollte Revolution machen und nicht Reformen.

Was hat sich demnach getan?

Es gibt eine gewisse Selbstverständlichkeit, die etwa Hegel und Stifter heraus gestellt haben; das Herkommen, die Sittlichkeit, das respektvolle Verbundensein miteinander – Stifter nennt diese Realität das „stille Gesetz“.

Kannst Du ein Beispiel geben für das, was wir darunter verstehen können?

Dass mit Selbstverständlichkeit einige Dinge getan und andere Handlungen unterlas-sen werden, dass dies zum Menschlichen, zum humanum insgesamt gehört – dass man sich etwa Kindern, Alten, Schwachen, gesellschaftlich etwas „tiefer“ Stehenden gegenüber auf eine edle oder anständige Weise verhält, dass man nicht nur für sich das Auskommen, das Glück und die Lust sucht, sondern im Verein mit anderen sich um das Gute bemüht, eingebunden in einen Strom der Generationen auf die Nächsten und die uns Folgenden schaut, auch seinen Vätern und Gott dankt und dabei ein gewisses Ethos unbedingt und ausnahmslos aufrecht erhält.

Aber was ist damit geschehen?

Dergleichen ist stark in Frage gestellt worden, wobei „die 68er“ selbst noch oft von ihren Müttern und Vätern her einen bestimmten Impuls in diese Richtung mitbekom-men hatten, den sie aber nicht oder nur unvollkommen an die neue Generation weitergegeben haben, sodass hier tatsächlich ein großer Bruch stattgefunden hat …

… der sich auch auf die Akademikerseelsorge auswirkte?

Auf alle Fälle. In der 68er-Zeit ist sehr viel ins Rutschen, Wanken und Schlittern gekommen. Manches davon war einfach „fällig“, aber vieles fehlt uns heute. Bewegung in diese Richtung gab es zuvor durchaus, durch die Renaissance, die Aufklärung im 18. Jahrhundert oder etwa durch die Oktoberrevolution 1917 in Russland. Zuvor bereits hatte dieses nun zu verschwinden drohende hohe Gut, „das stille Gesetz“, so etwas wie Sprünge bekommen. Aber es hielt noch stand. Es ist so wie Eis, das, bevor der Gletscher kalbt, lange zuvor gewisse Risse zeigt. Irgendwann jedoch kommt es ganz massiv im Großen ins Rutschen. Die Sprünge hatten sich womöglich über Jahrhunderte hinweg angesammelt. In der 1968er Generation kam der Eisberg bzw. das „Gesetz“, glaube ich, erst so richtig ins Abgleiten und Stürzen. Einer solchen massiven Bewegung entgegen zu steuern ist sehr schwer.

Was kann diese Situation, in der wir jetzt sind, für die Kirche bedeuten?

Ich sage jetzt etwas, das vielleicht seltsam klingt: Heute früh um halb neun haben wir erfahren, dass Donald Trump die Wahlen in Amerika gewonnen hat. Viele sind entsetzt, ich bin es auch. Allerdings muss man auch sehen: Es fügt sich etwas Neues. Auf internationaler Ebene zeigt sich, dass gerade die 68er-Zeit, von der ich sagte, sie kündigte sich durch Sprünge in der Gesellschaft an, jetzt auch ihrem Ende entgegen geht. Womöglich ist der Eisberg im Wasser angelangt. Oder er ist zum Stillstand gekom-men. Das Neue hat etwas mit dem Prinzip der Toleranz zu tun. Tolerare heißt auch erdulden und ertragen. Große Bevölkerungsteile ertragen es anscheinend kaum noch, dass die Toleranz gegenüber auch sehr seltsamen Überzeugungen, Gruppen und Verhaltensweisen keine Grenze mehr zu kennen scheint. Als gesellschaftliche Ideale hatten wir ja fast nur noch Toleranz und diese auf einem konsumistischen Unterbau. Das ist wenig, ja für viele heute anscheinend zu wenig – dieses ,,Konsumieren und Tolerieren“. Die Menschen wollen etwas, wofür sie sich einsetzen. Es reicht ihnen nicht, zu konsumieren und zu tolerieren. Ich sehe da eine anthropologische Konstante, die wir als Kirche und Christen eigentlich nutzen könnten und dringend auch müssten. Wie man das genau macht, das weiß ich leider nicht. Der Mensch will aber Ideale anstreben, er ist auf Unendlichkeit und Vollkommenheit und auf etwas über sich selbst hinaus angelegt. Im Zarathustra hat Nietzsche den Menschen unserer Zeit, der seit den 1968er-Jahren dominierte, den „letzten Menschen“ genannt: Er ist müde, er toleriert, er akzeptiert alles, er hat sein Plaisir für die Nacht, sein Lüstchen für den Tag. Das erscheint ihm als ausreichend. Er lebt ohne großen Aufwand, auch ohne allzu großen intellektuellen Anspruch vor sich hin. Eine Zeit lang geht das auch gut. Der Wahlausgang in den USA ist ein Indiz dafür, so glaube ich: Dergleichen geht aber nicht für alle Zeit gut, erfüllt den Menschen nicht auf alle Zeit hin. Auf diese anthropologische Konstante sollten wir als Kirche setzen.


Das Interview mit Prof. Sigmund Bonk ist auch in ausführlicherer Form als PDF zum Herunterladen verfügbar.


Außerdem haben wir uns auf Spurensuche im Bistum begeben - schauen Sie sich unseren Fernsehbeitrag an!