Spanier, Tschechen und Deutsche pilgern gemeinsam auf dem Jakobsweg von Pilsen nach Regensburg

19.08.2015
Der Pilgersegen beim Start in der Kathedrale von Pilsen.

„Wir erleben heute das Pfingstwunder neu. Tschechen, Spanier und Deutsche haben sich vor fast einer Woche gemeinsam in Pilsen auf den Jakobsweg gemacht und sind heute in der Jakobskirche in Regensburg angekommen. Wenn wir das Tagesevangelium gerade in unserer eigenen und in den fremdem Sprachen gehört haben, dann spüren wir auch in den fremden Sprachen eine große Gemeinsamkeit.“ So fasste Diözesanpilgerleiter Andreas Albert sein Empfinden bei der Schlussandacht zusammen. Auch wenn er nur beim Abschluss dabei war, erspürte er damit doch genau eine zentrale Erfahrung der Teilnehmenden aus den drei Ländern.

Gemischte deutsch-tschechische Pilgergruppen waren im Rahmen der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) schon mehrmals auf dem Jakobsweg zwischen Prag und Regensburg unterwegs. Vom 1. bis 6. August kamen nun mit den Spaniern Pilger aus dem Ursprungsland des Jakobsweges dazu und haben das ihnen eigene Temperament auf den Weg mitgenommen.

Hintergrund der gewählten Wegstrecke waren Pilsen als Europäische Kulturhauptstadt 2015 und die vielfältigen kommunalen, universitären und kirchlichen Beziehungen zwischen Pilsen und Regensburg. Bei der konkreten Planung war die jahrelange Zusammenarbeit beim Jakobsweg zwischen der KEB mit dem Spanischen Kulturfestival „cinEScultura in Regensburg und dessen Partner in Pilsen sowie der tschechischen Jakobswegorganisation „Ultreia“ entscheidend. Unterstützt wurde das Unternehmen von der Fränkischen St. Jakobsgesellschaft und der spanischen Jakobsgesellschaft „Xacobeo“. Mit der gemeinsamen internationalen Wanderung sollte auf dem Jakobsweg als erster europäischer Kulturstraße eine neue Form grenz- und nationenüberschreitender kultureller und religiöser Erfahrung erprobt werden.

Unterwegs auf dem Jakobsweg bei Stallwang.

Der Jakobsweg als Raum für Begegnung über Grenzen hinweg

Vom 1. bis 6. August war so ein Raum gegeben für Gespräche, interkulturelle Erfahrungen, gemeinsames Singen und Beten, geteiltes Schweigen und natürlich für die leibhaftige Erfahrung des gemeinsamen unterwegs Seins. Die Etappen waren bewusst so zugeschnitten, dass für geistliche und kulturelle Impulse, für Gespräche auf dem Weg und für Austausch am Abend noch Gelegenheit war. Deshalb wurden Teilstücke am Morgen oder Abend mit einem Begleitfahrzeug zurückgelegt. „Dieses Konzept hat sich bewährt. Uns ist es ja nicht nur um das Laufen gegangen, sondern um Begegnung“, so Gregor Tautz von der KEB.

An den heißen Sommertagen wurden bezaubernde kleine Kapellen am Weg oder schattige Plätze im Wald nicht nur zu Zufluchtsstätten vor der Hitze, sondern Orte der Einkehr, der Besinnung, von vielsprachigen Pilgergesängen und Gebeten. Auf deutscher Seite führten verschiedene meist von der KEB ausgebildete Jakobswegbegleiter die internationale Pilgergruppe durch „ihr Gebiet“.

 

In Westböhmen: Chotesov/Choteschau und Bofanek

Die Strecke der ersten beiden Tage verlief von Pilsen nach Kdyne (Neugedein) nahe der Grenze bei Eschlkam, wo der offiziell markierte ostbayerische Jakobsweg beginnt. Für diesen Abschnitt hatte Tomas Jindrich von der tschechischen Jakobsgesellschaft „Ultreia“ die Leitung übernommen und eine kulturell wie kirchlich aussagekräftige Route gewählt.

Übernachtet wurde in Stankov, wo eine dem Jakobus geweihte Kirche steht. Jahrhundertelange böhmisch-bayerische Tradition war im ehemaligen Kloster Chotesov (Choteschau) zu erleben. In den Ruinen, die gerade renoviert werden, war aber auch zu spüren, dass es Neuanfänge braucht, weil die große Vergangenheit nicht wiederkommt. Vielleicht ist der Jakobsweg eines von vielen Elementen, die christliche Erfahrung in einem weitgehend unkirchlichen Umfeld wieder initiieren können.

Für Regensburg ist auf dieser Strecke der „Wolfgangshügel“ in der Nähe der Ortschaft Chudenice eine wichtige Station. Heute heißt er „Bolfanek“. Im Jahr 973 hatte der Heilige Bischof Wolfgang auf seinem Weg zur Bistumserhebung von Prag dort Station gemacht. Der Überlieferung nach hat er in den Heilquellen gebadet. Um den Stein herum, auf dem er dort gepredigt und die damalige Bevölkerung bekehrt hat, wurde später eine Kapelle gebaut. Der Turm der daneben stehenden Kirche ragt noch heute weit ins Land. Von der Kirche steht aber nur mehr die Apsis. Der Weg führt dann weiter zu einem für die Tschechen wichtigen Ort, dem Schloss Lazen, wo im 19. Jahrhundert für die „Wiedergeburt“ der tschechischen Nation wichtige Schriftsteller gelebt haben.

 

 

Hinter Eschlkam

Gemeinsam über die früher tödliche Grenze

Josef Altmann aus Eschlkam begleitete die Wanderung auf der Strecke von Kdyne nach Eschlkam. Beim heute so problemlosen Grenzübertritt wurde für alle erlebbar, was der Fall des „Eiserenen Vorhangs“ 1989 bedeutet hat. Vor allem den deutschen und tschechischen Teilnehmenden wurde die Geschichte ihrer Heimatländer schmerzlich bewusst: unter damaligen Bedingen hätten sie hier niemals auf dem Jakobsweg unterwegs sein können. Die Nato-Abhör-Türme vom Hohen Bogen und die entsprechenden Anlagen auf tschechischer Seite kamen auf dieser und der nächsten Etappe immer wieder ins Blickfeld.

„Vor 1989 waren wir am Ende der Welt. Heute sind wir im Zentrum Europas“, fasste bei einem abendlichen Gespräch Bürgermeister Josef Kammermeier von Eschlkam die Erfahrung im Grenzland prägnant zusammen. Es gäbe natürlich auch neue Probleme, wie Tausende  LKWs, die täglich durch Eschlkam fahren. Solche neuen Probleme müsse man halt lösen. Viel schwerer würden die positiven menschlichen Beziehungen zu den Nachbargemeinden wiegen, mit denen auch eine lebendige Partnerschaft gepflegt wird.

Neurandsberg

Unterwegs mit Franziskus, einem tschechischen Theologen und den Weinheiligen

Auf der Strecke von Eschlkam über Neukirchen beim hl. Blut zum Berghaus Hohenbogen war der heilige Franziskus ein Wegbegleiter, der von Michael Neuberger von der KEB Cham vorgestellt wurde. Auf der Etappe von Neurandsberg bis Stallwang präsentierte  Dr. Keterina Kovackova Impulse mit dem tschechischen Theologen und Extremsportler Marek Vácha. Von der Vielzahl kleiner Kirchen, die oft zu wenig gewürdigte Kleinode sind, seien auf dieser Etappe nur Neurandsberg und das Kirchlein am Gallner genannt, die Friedolin Wenninger an diesem Tag vorstellte.

Zwischen Wörth und Donaustauf stellte Renate Möllmann mit der Geschichte des Baierweins ein Thema vor, das seit der Antike Spanien, Regensburg und eigentlich ganz Europa verbindet. Die „Traubenmadonna“ in Frengkofen, die dem Jesuskind Weintrauben reicht, und die Weinheiligen Papst Urban und Bischof Urban werden am Seitenaltar flankiert vom heiligen Jakobus. Dass gerade er in dieser Dorfkirche vorkommt, erinnert daran, dass Frengkofen eine wichtige Fährstation auch für Pilger war.  Eine Führung im Baierweinmuseum in Bach und eine Weinprobe waren die letzte Station vor der Fahrt mit dem Schiff vorbei an der Walhalla nach Regensburg.

Am Ende der Wanderung vor der Schottenkirchen St. Jakob in Regensburg.

Weiter auf dem Weg nach Europa

Der Wunsch, den Pater Martin Sedlon beim Pilgersegen zum Auftakt in der St. Bartholomäus Kathedrale in Pilsen mitgegeben hatte, ist in Erfüllung gegangen – nämlich dass der Weg von Pilsen nach Regensburg die Teilnehmer ein Stück mehr an die existentiellen  Erfahrungen des Glaubens und des menschlichen Lebens heranführen soll. Darin waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der Schlussandacht in der Regensburger Jakobskirche einig. Und nicht nur das gute Essen im spanischen Lokal „Tapas“ in Regensburg, sondern die Erfahrungen der zurückliegenden sechs Tage haben bei manchen die Sehnsucht beflügelt, weiter nach Santiago zu gehen.

Der Präsident der Fränkischen St. Jakobusgesellschaft in Würzburg, Joachim Rühl, war den letzten Tag mitgegangen und hatte für eine Pilgerin auch schon mal den offiziellen Pilgerausweis dabei. Ganz konkret sind dagegen die Pläne von Pedro Alvarez Olaneta, dem Leiter des spanischen Kulturfestivals cineEScultura in Regensburg, auf dessen Initiative die Jakobswanderung von Pilsen nach Regensburg zurückgeht. Er möchte sich nach den sehr positiven Erfahrungen bei dem Pilotprojekt spätestens in zwei Jahren mit Teilnehmenden aus mindestens fünf Nationen mit dem Rad auf den Weg von Pilsen nach Regensburg machen. Dazu möchte er dann zusammen mit allen Partnern vor allem Studierende aus diesen Nationen gewinnen.

 

Eine eindrucksvolle Wanderung

Was die Teilnehmer der Jakobswanderung hinterher zu berichten haben? Hören Sie es sich an!

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