Spannend wie ein Krimi, auch brutal: Das Grabtuch von Turin spricht von menschlicher Grausamkeit, aber auch göttlicher Barmherzigkeit

22.11.2016

In einem langen, aber sehr kurzweiligen Vortrag hat Prof. Dr. Karlheinz Dietz am Montagabend in Regensburg über das Grabtuch von Turin gesprochen: „Probleme des Turiner Grabtuchs“ lautete der einfache Titel. Er sollte eine große Schar an interessierten Zuhörern anziehen, die – kein Klischee! – gebannt den Ausführungen lauschten. Dass der Vortrag (mit anschließender Diskussion) hörenswert war, hing gewiss auch damit zusammen, dass Prof. Dietz die Zusammenhänge sehr inter- und transdisziplinär darstellte: verschiedenste wissenschaftliche Felder kamen hier zusammen, und wiederholt bekannte der Vortragende, selbst Dilettant zu sein. Was für die Qualität seiner Ausführungen durchaus kein Hindernis war.

Prof. Dr. Sigmund Bonk, Leiter des Akademischen Forums, beschrieb in der Einleitung den Glauben, insofern er erfordere, einen Sprung zu wagen. Bonk: „Das Grabtuch von Turin bietet seine Hilfe an.“ Seine Geschichte gleiche allerdings einem Krimi. Nun könnten Fakten keinen Glauben erzwingen. Allerdings ermutigten sie dazu, den Sprung des Glaubens zu wagen.

 

Befürworter auch noch in sich gespalten

Prof. Dietz schilderte die maßgeblichen Punkte in der Geschichte des Grabtuchs, das hochgradig umstritten ist – notfalls wird in diesem Feld des Streits auch mit persönlicher Verunglimpfung gearbeitet. Im Übrigen sei, so Prof. Dietz, die Gruppe der Befürworter seit dem Jahr 2002 auch noch in sich gespalten. Grund dafür war die Entscheidung des Vatikans, das Grabtuch restaurieren zu lassen (und damit Veränderungen vornehmen zu lassen). 1898 war die erste Fotografie daran vorgenommen worden. Der Fotograf Secondo Pia habe danach einiges abbekommen. Der Stil der Auseinandersetzung sei in der Folge, sagte Dietz, sogar „noch brutaler“ geworden. Die Aussagen über die Echtheit des Grabtuchs Christi reichen von „mittelalterliches Kunstwerk eines Genies“ bis hin zu „Relikt des Christus-Märchens“.

Das Leinentuch zeigt im Abdruck einen 25 bis 40 Jahre alten Mann, der schwere Gesichtsverletzungen erhalten hat und der extrem stark gegeißelt worden sein muss – im konkreten Falle zweimal, denn nach der Geißelung, die statt der Kreuzigung erfolgen sollte, war Jesus vor der Kreuzigung, zu der es doch kam, erneut zu geißeln, wie dies definitiv immer gehandhabt wurde, sagte Prof. Dietz. Auf dem Grabtuch sei der Einsatz dreier Folterwerkzeuge zu erkennen. Er gab zu bedenken: „Dass die Folterwerkzeuge nur bei UV-Licht sichtbar sind, kann nicht nachgemacht werden.“ Dietz gab seiner Einschätzung insgesamt Ausdruck: „Es gibt wenig Aussicht, ein Kunstwerk vor uns zu haben.“ Auch stellte Dietz die Theorie in Frage, wonach das Tuch aus einer mittelalterlichen Ritual- oder Selbstkreuzigung hervorgegangen sei. Die Radiokarbonanalyse, die 1988 am Objekt angestellt wurde, sei „sehr fragwürdig“, was Dr. Dietz nicht zuletzt mit dem „Mangel an Homogenität der Ergebnisse“ begründete – es untersuchten Labors in Arizona, Oxford und Zürich. Das Ganze allerdings, so Dietz, sei „ein Disaster“. Er sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer „kapitalen Dummheit“ (dass nur eine Probe entnommen wurde) und dass außerdem trotz wiederholter Hinweise keine begleitenden Untersuchungen stattfanden. Schließlich deutete der Vortragende auch noch an, dass sich einer der Wissenschaftler ein Stück des Tuchs „unter den Nagel gerissen hat“ (etwa die Hälfte der Probe). Der C-14-Test sei vor allem dilettantisch vorgenommen worden und „zwingt zu nichts“.

 

 

Keine mathematische Frage, keine mathematische Lösung

Mathematische Sicherheit bezüglich der Echtheit des Tuchs werde es ohnehin nie geben, da es sich um keine mathematische Frage handelt. Man müsse sich mit der Wahrscheinlichkeit zufrieden geben. Was man nicht tun solle, sei, das Grabtuch zum Beweis unserer Ideen und Wünsche herzunehmen. Den christlichen Glauben gebe es auch ohne das Grabtuch von Turin. Allerdings sei es eine Mahnung an Menschen, wie grausam er doch sein könne – und gleichzeitig ein Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit. Prof. Bonk dankte für den Vortrag, der bei aller wissenschaftlichen Sachlichkeit unter die Haut gegangen sei.

Prof. Dr. Karlhein Dietz, 1947 geboren, war nach seiner Assistentenzeit an der Universität Regensburg Wissenschaftlicher Oberrat an der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik des Deutschen Archäologischen Instituts und im Anschluss an die Habilitation bis 2012 Professor für Alte Geschichte an der Universität Würzburg.