Der Theologe und Seelsorger Rudolf Voderholzer

25.01.2013

Würdigung der Person des neuen Bischofs. Von Michael Karger

Rudolf Voderholzer werde ein Bischof ganz aus dem Geiste des Konzils sein, sagte Kurienerzbischof Gerhard Ludwig Müller unmittelbar nach Bekanntwerden der Ernennung des Trierer Theologieprofessors zu seinem Nachfolger auf dem Regensburger Bischofsstuhl. Voderholzer, 1959 in München geboren, war bei Konzilsbeginn drei Jahre alt. Seine Kirchenerfahrungen sind gänzlich nachkonziliar geprägt. Im Münchener Stadtteil Sendling wohnte das Lehrerehepaar Voderholzer mit seinen vier Kindern in einer kleinen Etagenwohnung. Ihr ältester Sohn Rudolf war Ministrant in der Pfarrkirche St. Margaret und besuchte das Dante-Gymnasium. Voderholzers bereits verstorbener Vater war ein Altbayer aus der Nähe von Dorfen, seine Mutter ist eine Heimatvertriebene aus dem Sudetenland. Nach Abitur und Wehrdienst als Sanitätssoldat in München trat Voderholzer in das Priesterseminar der Erzdiözese ein. Parallel zum Theologiestudium an der Universität absolvierte Voderholzer ein Philosophiestudium an der Hochschule der Jesuiten in der Kaulbachstraße. An der Theologischen Fakultät lehrten damals noch der bedeutende Neutestamentler Joachim Gnilka, der Sozialethiker Wilhelm Korff und im Fach Dogmatik der spätere Kardinal Leo Scheffczyk. An der Jesuitenhochschule ragten die Professoren Gerd Haeffner und Jörg Splett heraus. Regelmäßig ging Voderholzer auch in die Vorlesungen des bedeutenden evangelischen Systematikers Wolfhart Pannenberg. Sein Philosophiestudium schloss Voderholzer 1985 mit dem Magister artium und ein Jahr später das Theologiestudium mit der Diplomprüfung ab. Mit seiner Diplomarbeit über den französischen Philosophen Maurice Blondel (1861-1949) war Voderholzer mit einem der geistigen Väter des Konzils beschäftigt. Blondel wies den Weg aus der Krise der Kirche, die man mit dem Begriff “Modernismusstreit” bezeichnet. Im Kampf zwischen einem relativistischen Geschichtsdenken und einem ungeschichtlichen Traditionalismus neuscholastischer Prägung fand Blondel den Ausweg: Tradition ist die personale Vermittlung einer lebendigen Wirklichkeit.

In den Kaplansjahren zwischen 1987 und 1991 mit den Stationen Traunreut, Haar und Zorneding waren besondere Höhepunkte die Pfarrwallfahrten nach Altötting und die jährlichen Wanderungen mit der Bibel im Rucksack, die vom Kaplan geleitet und inspiriert wurden. Nach seinem Pfarrexamen wurde Voderholzer von Professor Gerhard Ludwig Müller eine Assistentenstelle am Lehrstuhl für Dogmatik an der Theologischen Fakultät in München angeboten. In diesen Jahren arbeitete Voderholzer unter anderem an der Entstehung von Müllers bis heute maßgeblicher und vielfach aufgelegter Dogmatik in einem Band mit. In seiner Doktorarbeit widmete sich Voderholzer dem französischen Jesuitentheologen Henri de Lubac. Lubac war Konzilsberater und darüber hinaus der entscheidende Wegbereiter des Denkens, das auf dem Konzil die Enge der neuscholastischen Schultheologie endgültig aufgebrochen hat. Aus seiner tiefen Kenntnis der Kirchenväter und der ganzen Tradition der Kirche, die von den römischen Schultheologen auf die Lehrbücher und Enzykliken der letzten hundert Jahre beschränkt worden war, stellte Lubac heraus, dass die Geschichte der Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch sei und dass es im Laufe der Geschichte eine wachsende Einsicht in die Selbstmitteilung Gottes gebe. Offenbarung ist ein lebendiges Geschehen: Christus der Offenbarer teilt sich den Glaubenden mit. In allen Studien von Lubac zur Geschichte der Bibelauslegung geht es um die grundlegende Unterscheidung zwischen Schrift und Offenbarung: Jesus Christus ist als der Höhepunkt der Offenbarung selbst der Offenbarer, und die Schrift bezeugt ihn, ohne selbst die Offenbarung zu sein. Über die einzelnen Glaubenssätze hinaus, lehrt Lubac, ist zunächst die Gestalt Jesu Christi, die unser Fassungsvermögen immer übersteigt, die eigentliche Offenbarung Gottes. Aus der Person Jesu Christus heraus, hat Lubac formuliert was Theologie eigentlich ist. Von dieser Einsicht ist Rudolf Voderholzer zutiefst geprägt: “In Christus nachdenken oder Theologie treiben, bedeutet deshalb nicht bloß, Wahrheiten zusammenzustellen, und sie auf ein System zu reduzieren, oder immer neue Schlussfolgerungen aus den geoffenbarten Prämissen ziehen; es bedeutet auch noch weit mehr, nämlich sich von der explikativen Kraft der Glaubenswahrheiten zu überzeugen, und zwar bis in den sich ständig wandelnden Kontext der Welt hinein. Theologie treiben, heißt versuchen, die Welt und den Menschen, sein Wesen, seine Bestimmung und Geschichte in den unterschiedlichsten Situationen im Licht eben jener Wahrheiten zu verstehen. Theologie treiben, heißt sich bemühen, alles im Geheimnis Christi zu sehen. Denn das Mysterium Christi ist ein erleuchtendes Mysterium, und, es betrachtend, dringt man wirklich tiefer darin ein, ohne ihm dabei etwas von seinem Geheimnischarakter zu nehmen.” 1998 wurde Voderholzer mit seiner Arbeit “Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn. Der Beitrag von Henri de Lubac zur Erforschung von Geschichte und Systematik christlicher Bibelhermeneutik” promoviert. Da die Einsichten von Lubac über das personale Offenbarungsverständnis mit Christus als der Offenbarungsquelle die von Schrift und Tradition bezeugt wird, vom Zweiten Vatikanischen Konzils in die Lehrverkündigung der Kirche aufgenommen worden ist, lag es nahe, dass sich Voderholzer in seiner Habilitationsschrift mit der Offenbarungskonstitution “Dei Verbum” befasste. Seine Arbeit “Offenbarung und Exegese. Studien zur Vorgeschichte und zur Rezeption der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils” (2004) begründet unter anderem die Berechtigung der historisch-kritischen Exegese, da die Schrift selbst als Offenbarungszeugnis historischen Charakter hat und aus der Tradition hervorgeht. Von hierher wurde der wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkt von Voderholzer die Bibelhermeneutik, aber eben im Sinne der Christozentrik des Konzils. Neben zahlreichen Aufsätzen zur Geschichte der Schriftauslegung übersetzte Voderholzer wichtige Werke von Lubac ins Deutsche und stellte den großen Jesuiten mit einer kleinen Monographie über Leben und Werk einem breiteren Publikum vor.

Nach einem Lehrauftrag in Fribourg in der Schweiz (2003-2004), wo Voderholzer auch die kirchenpolitische Situation der katholischen Kirche in der Schweiz kennengelernt hat, wurde er auf den Lehrstuhl für Dogmatik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Trier berufen. Von Anbeginn seiner Lehrtätigkeit an betreute er als Seelsorger die Pfarrgemeinde St. Nikolaus in Kasel an der Ruwer nahe Trier. Er wohnte im kleinen Pfarrhaus, das direkt an die Weinberge angrenzt. In seinem Freundeskreis verbreitete er den guten Ruf der Weine von der Ruwer und der Mosel. Mit einem großen Fest zu seinem silbernen Priesterjubiläum ehrten die Kaseler ihren “Pfarrer” im vergangenen Jahr und zeigten damit die hohe Wertschätzung seines pastoralen Wirkens.

Papst Benedikt XVI. beauftragte 2008 den Bischof von Regensburg Gerhard Ludwig Müller mit der Herausgeberschaft seines gesamten theologischen Schrifttums. Bischof Müller gründete zu diesem Zweck das Institut Papst Benedikt XVI. mit Sitz in Regensburg und ernannte Rudolf Voderholzer zu seinem Gründungsdirektor. Zu den Lehrverpflichtungen in Trier und der Pfarrgemeinde kamen nun noch wöchentliche Fahrten ins 500 Kilometer entfernte Regensburg hinzu. Voderholzer baute eine Bibliothek und ein Archiv auf, berief einen Mitarbeiterstab und leitet das von Bischof Müller bestellte wissenschaftliche Kuratorium. Er rief eine wissenschaftliche Publikationsreihe, die “Ratzinger Studien”, ins Leben und informiert mit den jährlich erscheinenden “Mitteilungen” des Instituts über den Forschungsstand und die laufenden Aktivitäten des Hauses. Staunen muss man über die eigentliche Arbeit des Instituts, die Herausgabe der insgesamt sechzehn Bände umfassenden Werkausgabe “Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften.” Bereits 2008 wurden alle Einzelpublikationen des Papstes zur “Theologie der Liturgie” (Band 12) zusammengefasst und vom Verlag Herder in repräsentativer und gediegener Ausstattung publiziert. Eine große Herausforderung war sodann die erstmalige vollständige Veröffentlichung der Habilitationsschrift des Papstes. Vom Münchner Dogmatiker Michael Schmaus wurde damals die Arbeit deswegen abgelehnt, weil Ratzinger nachgewiesen hatte, dass die von Henri de Lubac festgestellte Unterscheidung von Offenbarung und Schrift auch vom Franziskanertheologen Bonaventura vertreten wurde. Damit galt Ratzinger in den Augen von Schmaus als Modernist, dessen wissenschaftliche Laufbahn er zu verhindern suchte. Ratzinger trennte kurzerhand den ersten Teil der Arbeit ab und reichte nur den zweiten mit neuer Einleitung erneut ein. Erst 2009, fünfzig Jahre nach seiner Entstehung, konnte “Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras” (Band 2) erstmals vollständig erscheinen. Vorher bereits hatte Voderholzer entdeckt, dass Ratzinger seine zentrale These des inkriminierten ersten Teils 1958, ein Jahr nach Abschluss der Habilitation, trotz der Ablehnung durch Schmaus, in der “Trierer Theologischen Zeitschrift” publiziert hat. Damit brachte der junge Dozent für Fundamentaltheologie und Dogmatik in Freising zum Ausdruck, dass er nach wie vor sein Forschungsergebnis für richtig und bedeutsam hielt. Unter dem Titel “Zeichen der Völker. Schriften zur Ekklesiologie und Ökumene” brachte das Institut 2010 in einer neuen Systematik Ratzingers Lehre von der Kirche in zwei Teilbänden heraus (Band 8/1 und Band 8/2). In “Künder des Wortes und Diener eurer Freunde” wurden die Schriften zur Theologie und Spiritualiät des Weiheamtes vereint (Band 12). Die Dissertation “Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche” wurde zusammen mit weiteren Texten über Augustinus und andere Kirchenväter 2011 herausgebracht (Band 1). “Auferstehung und ewiges Leben” umfasst alle Beiträge zur Eschatologie und wurde 2012 publiziert (Band 10). Auf der Grundlage des Bonaventura-Bandes erschlossen sich auch die Stellung Ratzingers zur Befreiungstheologie und zur politischen Theologie insgesamt und die Gründe, warum seine diesbezüglichen Stellungnahmen dem Eschatologieband zugeordnet werden sollten. Zum Konzilsjubiläum konnte gegen Ende des vergangenen Jahres rechtzeitig “Die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils. Formulierung - Vermittlung - Deutung” mit bemerkenswerten Erstveröffentlichungen in zwei umfangreichen Teilbänden erscheinen (Band 7/1 und Band 7/2). Hier liefen nun alle Fäden zusammen: Voderholzer kannte die Geschichte der Bibelhermeneutik und des Offenbarungsverständnisses insgesamt und auch den Beitrag von Joseph Ratzinger dazu. Damit war er bestens vorbereitet, um etwa innerhalb des komplizierten Entstehungsprozesses der Offenbarungskonstitution den Beitrag Ratzingers zu erkennen und zu beurteilen.

In mehreren Aufsätzen hat Voderholzer eigene Forschungen über Personen der Zeit- und Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Er arbeitete am Katalog der großen Ausstellung über Kardinal Faulhaber in München mit und machte etwa auf Faulhabers entschiedene Ablehnung antisemitischer Aussagen in Verkündigung und Katechese aufmerksam. Über Fritz Gerlich, den mit Resl von Konnersreuth verbundenen katholischen Publizisten, der 1934 in Dachau ermordet wurde, hat er geschrieben. Gerlich hatte eigens die Zeitung “Der gerade Weg” gegründete, um damit Hitlers Aufstieg zu verhindern. Auch publizierte er über den evangelischen Christen Wilhelm Freiherr von Pechmann, der wegen der eindeutigen Gegnerschaft von Kardinal Faulhaber und der katholischen Kirche gegen den Nationalsozialismus konvertiert ist. Lebensläufe von drei überzeugten und überzeugenden Christen in einer Zeit der Verfolgung und der Bewährung.

Papst Benedikt überantwortete 2010 sein Wohnhaus in Pentling, das von 1970 bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising 1977 sein Lebensmittelpunkt war, einer Stiftung des Bistums Regensburg und übertrug dem Institut die Nutzung und Betreuung. Im Herbst 2012 konnte das von Voderholzer und seinen Mitarbeitern renovierte und vorsichtig rückgebaute Wohnhaus der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Der neue Bischof von Regensburg lebt aus der trinitarisch grundgelegten Christozentrik des Konzils: Christus ist der Offenbarer des Vaters im Heiligen Geist und der einzige Heilsmittler. Er sieht die Kirche als Sakrament von der eucharistischen Versammlung her, in der sie wahrhaft Volk Gottes wird durch die Einheit mit Christus ihrem Herrn. In der letzten Generalversammlung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 6. Dezember 1965 erhielten alle Konzilsväter von Papst Paul VI. ein Diplom, das ihre Konzilsteilnahme bestätigte und dazu einen schlichten goldenen Ring. Auf dem Ring ist unter einem kleinen Kreuz Christus mit den Apostelfürsten Petrus und Paulus dargestellt. Auf der Innenseite befindet sich das Wappen des Papstes. In seinem Diplom schrieb Paul VI., dass die Bischöfe mit ihm darüber beraten hätten, “wie der Glanz und der Eifer der Kirche Christi” erneuert werden könne und forderte die Bischöfe auf, die Konzilsbeschlüsse in ihren Ortskirchen umzusetzen. Der am 6. Dezember 2012 im Jahr des 50jährigen Konzilsjubiläums von Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Regensburg ernannte Rudolf Voderholzer trägt einen solchen Konzilsring als fortwährende Erinnerung an eine Selbstverpflichtung auf das geistige Erbe des Konzils. So kann sich an Bischof Rudolf Voderholzer bewahrheiten, was sein großer Vorgänger von Johann Michael Sailer in seinem “Gebet für den Bischof” formuliert hat: “Herr Jesus Christus, du Hirte und Haupt deiner Kirche, steh unserem Bischof bei mit der Kraft deines Segens, dass er uns entflammt durch seinen Eifer, uns Vorbild ist durch seinen Wandel, uns trägt durch seine Liebe, uns stärkt durch seine Geduld, uns erhält in der Freude des Heiligen Geistes, uns segnet durch seine Gebete, uns gute Weisung gibt durch seine Lehre und uns einigt zu deinem heiligen Volk und zum lauteren Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit.”

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