Georg Ratzinger – Lebenslauf und Stationen

01.07.2020

Lebenslauf

15. Januar 1924: Georg Ratzinger wird in Pleiskirchen bei Altötting geboren. Seine Eltern sind Joseph Ratzinger (* 1877) und Maria Ratzinger geb. Rieger (* 1884). Er hat eine Schwester Maria, * 7. Dezember 1921

Mai 1925: Die Familie Ratzinger zieht nach Marktl am Inn. Vater Joseph tritt eine neue Stelle als Gendarmeriekommandant an.

16. April 1927: Bruder Joseph wird geboren.

Juli 1929: Umzug nach Tittmoning. Georg Ratzinger besucht die Volksschule.

Dezember 1932: Umzug nach Aschau am Inn. Georg Ratzinger wird Ministrant. Im Jahre 1933 kaufen die Eltern ein Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein.

1935: Eintritt ins Traunsteiner Gymnasium und ins Erzbischöfliche Studienseminar.

1937: Umzug nach Traunstein – Hufschlag ins eigene Wohnhaus.

1941: Georg und Bruder Joseph besuchen erstmals die Salzburger Festspiele und erleben auch die Regensburger Domspatzen unter Leitung von Theobald Schrems.

Sommer 1942: Georg Ratzinger wird zum sogenannten Reichsarbeitsdienst eingezogen. Im Herbst desselben Jahres folgt die Einberufung zur Wehrmacht. Aufenthalte in Frankreich, Holland und der Tschechoslowakei.

1944: Verwundung an der italienischen Front und Verlegung ins Lazarett nach Traunstein. Nach der Genesung erneut Kriegseinsatz in Italien.

Juli 1945: Georg Ratzinger wird vom Militär entlassen. Arbeit im durch die Lazarettzeit ziemlich heruntergekommenen Bischöflichen Seminar in Traunstein

Januar 1946: Eintritt zusammen mit Bruder Joseph ins Priesterseminar der Erzdiözese München und Freising in Freising.

Oktober 1950: Subdiakonats- und Diakonenweihe.

19. Juni 1951: Priesterweihe zusammen mit Bruder Joseph im Dom zu Freising durch Kardinal Michael von Faulhaber.

8. Juli 1951: Primiz in der Stadtpfarrkirche St. Oswald in Traunstein.

1. August 1951: Hilfspriester in Grainau.

1. September 1951: Musikpräfekt im Erzbischöflichen Knabenseminar Freising.

1. November 1951: Kaplan in der Pfarrei St. Ludwig, München, Beginn des Studiums der Kirchenmusik an der Münchner Musikhochschule.

1953: Wallfahrtskurat in Maria Dorfen bei München.

1955: Meisterkurs an der Hochschule für Musik.

1957: Chorregent an der Stadtpfarrkirche St. Oswald in Traunstein und Musikpräfekt am Erzbischöflichen Studienseminar in Traunstein. Im Mai 1959 Umzug der Eltern von Freising nach Traunstein zu Georg Ratzinger.

25. August 1959: Tod des Vaters Joseph Ratzinger.

16. Dezember 1963: Tod der Mutter Maria Ratzinger.

Februar 1964: Georg Ratzinger tritt sein Amt als Domkapellmeister am Regensburger Dom an. Er wird Leiter der Regensburger Domspatzen in der Nachfolge von Dr. Theobald Schrems.

1965: Erste Schallplattenaufnahme (As-Dur-Messe von Franz Schubert für Soli, Chor und Orchester.

Erste Auslandstournee nach Rom mit Konzerten. Mitwirkung bei einer Konzilsmesse und Privataudienz bei Papst Paul VI.

Erstes Weihnachtskonzert in Regensburg.

1966: Fernsehaufnahmen für die ZDF-Serie „Chöre der Welt“

1967: Ernennung zum Päpstlichen Ehrenkaplan (Monsignore).

1968: Konzerte und Gottesdienste in Prag.

1970: Erstmalige Mitwirkung bei Münchner Sonntagskonzerten des Bayerischen Rundfunks.

1971: Fernsehaufnahmen für das Zweite Deutsche Fernsehen mit Volksliedern.

1972: Konzerte u.a. in Salzburg

1973: Konzerte im Rahmen des Festivals von Flandern.

Live-Übertragung der Christmette aus dem Regensburger Dom.

1974: Teilnahme an der Eröffnung des Welt-Musik-Concours in Kerkrade (Niederlande).

1975: Eurovisionsübertragung des Pfingsthochamtes aus dem Regensburger Dom.

1976: Die Regensburger Domspatzen feiern ihr 1000-jähriges Bestehen mit einer Festwoche.

Ernennung Georg Ratzingers zum Päpstlichen Ehrenprälaten.

Konzertreise durch vier skandinavische Länder

Verleihung des Münchner Poetentalers.

Die Regensburger Domspatzen singen an vier Adventssonntagen im ARD-Fernsehen.

1977: Die Domspatzen singen bei der Bischofsweihe von Georg Ratzingers Bruder Joseph im Münchener Liebfrauendom.

Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach in Ansbach.

1978: Die Domspatzen singen beim Staatsbesuch der britischen Königin Elizabeth II. auf Schloss Augustusburg bei Brühl.

Mitwirkung bei der Peter-Alexander-Show im Fernsehen.

1979: Mitwirkung bei der Schallplatteneinspielung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach unter Karl Richter.

1980: Fernsehaufnahmen für das Zweite Deutsche Fernsehen mit Anneliese Rothenberger.

Mitwirkung beim Besuch von Papst Johannes Paul II. in der Münchner Residenz

1981: Aufführung der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach unter Ton Koopman in Berlin.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

Fernsehaufnahmen für die ARD „Wir Kinder – Die Regensburger Domspatzen“.

1982: Konzert beim Empfang des Bundespräsidenten Karl Carstens anlässlich der NATO-Tagung im Schloss Augustusburg bei Brühl.

1983: Erste Tournee in die USA und nach Kanada.

Teilnahme bei den Bruckner-Festspielen in Linz.

Verleihung des Bayerischen Verdienstordens.

1985: Mitwirkung beim Film „Maria Ward“.

Verleihung des Kulturpreises der Stadt Regensburg.

Teilnahme beim Internationalen Kirchenmusik-Kongress in Rom mit Gestaltung der Morgenmesse in der Privatkapelle von Papst Johannes Paul II.

1986: Tournee nach Großbritannien und Schottland.

1987: Zweite Tournee in die USA.

Porträt über die Regensburger Domspatzen im Zweiten Deutschen Fernsehen.

Konzertreise in die „DDR“.

1988: Konzertreise nach Ungarn.

Teilnahme beim Internationalen Bach-Fest in Schaffhausen.

Erste Japan-Tournee (Leitung: Karl-Heinz Liebl).

Verleihung des Kulturpreises Ostbayern.

1989: Konzerte beim Festival in Nantes und in Mailand.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.

Ehrenmitgliedschaft für Georg Ratzinger der „Consociatio Internationalis Musicae Sacrae“ (CIMS).

Teilnahme beim Monreale-Festival.

1990: Mitwirkung beim Deutschen Katholikentag in Berlin.

Konzertreise nach Italien.

1991: Konzertreise nach Taiwan.

Zweite Japan-Tournee (Leitung: Karl-Heinz Liebl).

Mitwirkung bei den Bach-Tagen in Berlin.

Ehrenmitglied des Verbandes „Pueri Cantores“.

1. November 1991: Tod der Schwester Maria.

1992: Konzertreise nach Polen.

Konzertreise in die neuen Bundesländer.

Konzertreise nach Irland in Begleitung von Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

1993: Konzertreise nach Prag und Ungarn.

Porträt von Georg Ratzinger im Zweiten Deutschen Fernsehen mit dem Titel „Unter den Schwibbögen“.

1994: 70. Geburtstag Georg Ratzingers.

Jubiläum 30 Jahre Domkapellmeister.

Abschied als Leiter der Regensburger Domspatzen.

Eintritt in das Kapitel des Kollegiatstifts zu den heiligen Johann Baptist und Johann Evangelist in Regensburg und Umzug in die Regensburger Luzengasse.

Ernennung zum Apostolischen Protonotar.

Verleihung des großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Verleihung der Albertus-Magnus-Medaille der Stadt Regensburg.

Verleihung der Orlando di Lasso-Medaille des Allgemeinen Cäcilienverbandes.

Ehrenvorstand des Vereins „Freunde des Regensburger Domchors“ e.V.

Ehrenmedaille des Bezirks Oberpfalz.

1995–2001: Stiftsdekan des Kapitels des Kollegiatstifts von St. Johann, Regensburg.

2000: Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Päpstliche Hochschule für Kirchenmusik „Pontificio Instituto di Musica Sacra“ Rom.

8. Juli 2001: Georg und Joseph Ratzinger feiern gemeinsam ihr 50-jähriges Priesterjubiläum im Münchner Liebfrauendom.

2004: Ernennung zum Honorarprofessor durch die Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg.

19. April 2005: Bruder Joseph wird zum Papst gewählt. Er gibt sich den Namen Benedikt XVI.

24. April 2005: Amtseinführung von Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz in Rom. Georg Ratzinger ist dabei.

19. Mai 2005: Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse an Georg Ratzinger unter Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. in Rom.

9. bis 14. September 2006: Papst Benedikt XVI. besucht seine Heimat. Stationen sind München, Altötting, Marktl am Inn, Regensburg und Freising. Am 13. September lädt Georg Ratzinger seinen Bruder zu sich nach Hause ein, begleitet ihn zum Elterngrab und in das „Häusl“ nach Pentling.

August 2008: Die Stadt Castel Gandolfo verleiht Georg Ratzinger die Ehrenbürgerschaft.

25. Januar 2009: Bischof Gerhard Ludwig Müller ernennt Georg Ratzinger anlässlich seines 85sten Geburtstages zum Ehrendomherrn am Regensburger Dom.

2010: Die Fondazione Pro Musica e Arte Sacra zeichnet Georg Ratzinger mit ihrem Ehrenpreis aus, der höchsten Auszeichnung, die die Stiftung vergibt.

Am 29. Juni 2011 feierte Georg Ratzinger mit seinem Bruder und weiteren Weihekollegen in Rom sein 60-jähriges Priesterjubiläum.

Am 15. Januar 2014 beging Georg Ratzinger seinen 90. Geburtstag im Vatikan.

18. bis 22. Juni 2020: Papst em. Benedikt XVI. besucht überraschend seinen kranken und altersschwachen Bruder Georg in der Luzengasse 2 und feiert mit ihm mehrfach die Heilige Messe.

Am Mittwoch, dem 1. Juli 2020 verstirbt Georg Ratzinger in Regensburg.

Der aktualisierte und erweiterte Lebenslauf von Georg Ratzinger basiert auf: Anton Zuber, Der Bruder des Papstes. Georg Ratzinger und die Regensburger Domspatzen, S. 227–230. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2007.

 

Georg Ratzinger: Apostolischer Protonotar, Domkapellmeister

Es war mehr als eine Geste, als Papst emeritus Benedikt XVI. am 18. Juni 2020 überraschend für fünf Tage nach Regensburg reiste. Die Ärzte rieten ab. Aber die Sorge um seinen drei Jahre älteren und schwer erkrankten 96-jährigen Bruder Georg bewegte seine Entscheidung. Es war der gelebte Ausdruck einer Bruderbeziehung, die beide Ratzingers auszeichnete und ein Leben lang prägte. Die Treue der beiden zueinander, ihre Herzensverbundenheit, der tägliche telefonische Austausch und die gemeinsame Verankerung im kindlichen Glauben an den lebendigen Gott - all das war für beide Brüder so etwas wie ein Lebenselixier, ohne das sie buchstäblich ausgetrocknet wären. Seit Joseph 2005 zum Petrusnachfolger gewählt worden war und der Weltkirche vorstand, reiste Georg regelmäßig in den Vatikan. Seit Beginn des Jahres 2020 aber erlaubten ihm seine Kräfte nicht mehr, sich auf den Weg zu machen. Die Begegnung in Regensburg war ein Abschied. Die beiden Brüder sollten sich nicht mehr lebend begegnen in dieser Welt. Am 1. Juli 2020 verstarb Georg Ratzinger.

 

Nur der Bruder?

Wer war Georg Ratzinger? Papstbruder war er ohne Zweifel. Aber der einstige Domkapellmeister und musikalische Leiter der Regensburger Domspatzen war weit mehr als eben „nur“ der Bruder. Für Joseph war er „der“ Anker in der Heimat, „der“ Musiker und Künstler in der Familie, „der“ Ruhepol des Familienmenschen, „der“ Halt im Alltag und „der“ Bezugspunkt der bayerischen Existenz. Wer die beiden Brüder gemeinsam erleben durfte, wurde Augen- und Ohrenzeuge einer Vertrautheit, die tief im Inneren Ihrer Persönlichkeiten die gemeinsamen Wurzeln findet. Der Musiker und der Theologe, beide am selben Tag zum Priester geweiht, ergänzten und belebten einander. Ihre innige Verbundenheit ohne jede falsche Sentimentalität schenkte ihnen Kraft, Lebensfreude und eine Lebensqualität, wie man sie nur jedem Menschen wünschen kann.

Papst Benedikt ging in einem Interview noch weiter: „Seit dem Beginn meines Lebens war mein Bruder für mich nicht nur ein Begleiter, sondern auch ein zuverlässiger Führer. Er stellte für mich immer einen Orientierungspunkt dar mit seiner Klarheit und seiner Entschlusskraft. Er hat mir immer gezeigt, welchen Weg ich nehmen musste, auch in schwierigen Situationen.“ Sein Bruder Georg habe immer geholfen „mit seiner Ernsthaftigkeit, seiner Bescheidenheit und seinem Mut, jede Last zu ertragen.“

 

„Der Ratzinger bin ich.“

Eine Begebenheit wenige Wochen nach der Papstwahl Benedikt XVI. auf dem Regensburger Domplatz verrät Souveränität und verschmitzten Humor. Eine Schülerin sprach Georg an und fragte, ob er nicht der Bruder vom Ratzinger sei. „Nein, der Ratzinger bin ich!“, war die Antwort.


Familie als Kirche im Kleinen

Wer Georg Ratzinger verstehen will, muss in seine Familie, deren katholische Prägung und ihren unprätentiös gelebten katholischen Glauben hineinleuchten. In nicht mehr ganz jungen Jahren heirateten 1920 der Vater (43), ein Gendarm, und die Mutter (36), eine Köchin. Sie tragen die Namen Joseph und Maria. Es heißt, sie hätten sich durch eine Anzeige im „Altöttinger Liebfrauenboten“ kennengelernt. Beide waren - wie man so sagt - ganz normal katholisch und fromm, beteten gemeinsam den Rosenkranz, nahmen an der Heiligen Messe teil und versuchten, im Angesicht des Herrgotts zu leben.

1921 erblickte in Pleiskirchen bei Altötting Tochter Maria das Licht der Welt, 1924 Sohn Georg. Joseph wurde 1927 in Marktl am Inn geboren, wohin der Vater 1925 versetzt wurde.

Den Marienwallfahrtsort Altötting liebten die Geschwister als besonderen Ort geistiger Heimat. Georg beschrieb später, dass die Wallfahrt zur Schwarzen Madonna „zu unseren schönsten Kindheitserinnerungen“ gehörte. Im Gespräch berichtete er: „Diese geistige Atmosphäre, bewirkt durch das ständige Gebet, hat mich und meinen Bruder damals schon tief in ihren Bann gezogen. Es hat also eine wichtige Rolle in unserem Leben gespielt und in unserer Wertschätzung auch, so nah bei Altötting aufgewachsen zu sein.“

Die Gottesmutter, der „wir immer unsere Sorgen und Nöte anvertrauen“ konnten, empfand Georg von klein auf als Gegenwart einer heiligen und heilenden Güte, in der sich die Güte Gottes mitteilt. Sie war für ihn zeitlebens der Schutzmantel, aus dessen Geborgenheit heraus man sich getrost den Herausforderungen des Lebens stellen konnte.

Die Strenge des Vaters wurde durch die Herzlichkeit der Mutter kompensiert. Georg schien die Symbiose beider in seinem Charakter weiterzuleben. Er erinnerte sich: „Es waren zwei recht unterschiedliche Temperamente und Charaktere, die sich aber durch ihre Verschiedenheit sehr gut ergänzt haben.“ Vom späteren Domkapellmeister wird berichtet, er habe ebenfalls beides in sich getragen. Er war ein Mann der Disziplin, aber auch ein Mensch der Herzlichkeit.

Glauben und Alltag verbanden sich im Hause Ratzinger ganz selbstverständlich. Jeder Tag war durchzogen vom Gebet, morgens, abends, zu den Mahlzeiten mit Lob und Dank an Gott. Ohne viel Aufhebens, ohne große Verrenkungen oder besonderen Aufwand. „Alles meinem Gott zu Ehren in der Arbeit in der Ruh…“: Die Liedzeile hätte gut als Leitwort der Ratzingerfamilie dienen können.

 

Traunstein: Natur und Musik

Traunstein wurde von 1937 an für die Kinder zur Heimat. Der Vater hatte sich mit seiner Familie in ein abgelegenes Haus im Weiler Hufschlag am Rande der bayerischen Stadt zurückgezogen. Er war erklärter Gegner der Nationalsozialisten und sah mit klarem Blick den kommenden Krieg voraus.

Trotz aller Bescheidenheit war das Haus ein Kinderparadies, mitten in der Natur gelegen, mit eigener kleiner Landwirtschaft und rundum von Wäldern umgeben.

Traunstein und Umgebung ist Mozartland. Der Zug nach Salzburg braucht eine knappe halbe Stunde. Im nahegelegenen Wallfahrtsort Maria Plain hatte Wolfgang Amadeus Mozart seine Krönungsmesse uraufgeführt. Die Krönung des Gnadenbildes war der Anlass, dieses Werk zu komponieren.

Georg entdeckte den Komponisten, der ihn sein ganzes Leben lang begleitete und begeisterte.

Die Orgel war das Instrument, das er bereits als 11jähriger zu spielen begann. Die Eltern förderten und unterstützten sein musikalisches Talent. Im Hause stand ein Klavier, an dem der Junge begeistert spielte. Schon früh zeichnete sich ab, dass der Glaube und die Musik sein Leben bestimmen und formen würden.

 

Berufung zum priesterlichen Dienst

1942 wurde Georg einberufen. Er überlebte den Weltkrieg. Wieder zu Hause in Hufschlag stellte er die wichtigen Weichen seines Lebensweges. Er entschied wie sein Bruder Joseph, der Berufung zum priesterlichen Dienst zu folgen. Am 29. Juni 1951 wurden beide Brüder im Freisinger Dom von Michael Kardinal Faulhaber zu Priestern geweiht.

Für Georg blieb der Tag der Priesterweihe zeitlebens etwas Besonderes. Sehr gerne hätte er mit seinem Bruder das 70-jährige Weihejubiläum im kommenden Jahr 2021 gefeiert. Die Dankbarkeit für diese Berufung sei mit den Jahren noch gewachsen, gestand Georg Ratzinger in einem Gespräch zum 60. Jahrestag. Für ihn war die Priesterweihe eine Lebenszäsur, denn sie „verleiht dem Menschen eine neue Lebensqualität als Beauftragter Christi, der das Mysterium, das Wort Christi in die Welt hineintragen soll“. Im Laufe seines Lebens sei ihm immer klarer geworden: „Die Priesterweihe führt in eine besondere Freundschaft mit Christus hinein (…) und das stellt nicht nur einen inneren Höhepunkt dar, sondern verleiht auch ein Bewusstsein vom Menschenleben, das über das natürliche Leben hinausgeht, weil der liebe Gott seine Hand im Spiel hat.“

Georg verfolgte sein bereits in Kindertagen aufscheinendes Ziel beharrlich: „Ich bin dem lieben Gott von Herzen dankbar, dass er mir die Kraft dazu gegeben hat, diesen Weg ohne jedes Wenn und Aber durchzuziehen.“ Man spüre „einfach die Führung und die Fügung“ und könne nur von Herzen ausrufen: Deo gratias!

 

Seelsorge und Musik

Die bevorzugte Ausdrucksweise des Seelsorgers Georg Ratzinger war die Musik. Musik sei die Sprache schlechthin, wolle man den „Menschen etwas von der Größe Gottes vermitteln“. Musik sei das subtilere Gebet, weil das gesungene und musizierte Gotteslob den Menschen ganzheitlich packe und ihm eine neue Dimension verleihe, die das gesprochene, gedachte oder meditierte Gebet in dem Maß nicht erreichen könne. Gute Musik sei ein Weg zu Gott.

 

Domkapellmeister und Regensburger Domspatzen

Es begann eine Ära, als Georg Ratzinger im Februar 1964 das Amt des Domkapellmeisters am Regensburger Dom und als musikalischer Leiter der Regensburger Domspatzen antrat. Er sollte das Amt 30 Jahre lang innehaben.

Er forderte und förderte. Viel. Sehr viel. Sein musikalisches Talent und sein Eifer machten die Domspatzen zu einem der bekanntesten Knabenchöre. Konzertreisen führten den Chor und ihn rund um die Welt. Im Mittelpunkt aber stand für den durch und durch priesterlichen Menschen Georg Ratzinger der liturgische Dienst in der Regensburger Bischofskirche.

Die Domspatzenchöre schenkten und schenken der Domliturgie eine besondere Ausdruckskraft. Besonders an den Hochfesten kam sie zum Tragen. Die erhebende Atmosphäre der weihnachtlichen Christmette im Dom St. Peter, die ergreifende Liturgie der Karwoche oder die Dramatik der Osternacht zählten für viele Menschen zu den Höhepunkten des Jahres.

Wegbegleiter seiner Amtszeit beschreiben den Domkapellmeister als freundlich und gutmütig gegenüber den Buben vor allem in der Freizeit. Während der Proben war er bisweilen auch streng, leidenschaftlich, impulsiv und ein absoluter Pünktlichkeitsfanatiker.

 

Im Dienst der Liturgie

„Die Domämter sind zuallererst Gottesdienst und keine kulturelle Veranstaltung“. Dieses Bekenntnis betonte Georg Ratzinger vielfach. Dennoch war ihm bewusst, dass die Sonntagsmessen Touristen anzogen, die eigens gekommen waren, um die berühmten Domspatzen zu hören. Als Georg Ratzinger einmal von einem Ausflügler angesprochen wurde, ob die Regensburger Domspatzen am Sonntag im Dom singen würden, gab er die Antwort: „Geplant ist’s. Aber Gott ist auf jeden Fall da!“

 

Musica Sacra

Wie gelang es Georg Ratzinger, die Jungen in die Erhabenheit liturgischen Gesangs einzuführen? Wie begeistert man Kinder und Jugendliche für Musica Sacra?

Ehemalige Schüler verweisen auf die Stärke seiner Persönlichkeit, auf den Priester und Glaubenslehrer, der Chorproben auch als Glaubensunterweisung sah. Er verstand es, die Musik in einen geistigen Kosmos einzubetten. Seine Schüler vollzogen mit dem Kopf und mit dem Herzen, dass ihre Musik der tragende Klang der Liturgie ist. Ratzingers Art des zurückhaltenden und sehr konzentrierten Dirigierens schuf eine Aura des Geistlichen und Geistigen. Die Schüler konnten erspüren, dass die Musica Sacra nichts Alltägliches war und sich gleichsam in den Dienst des Heiligen stellte, zur größeren Ehre Gottes. Georg Ratzinger konnte andere anstecken mit seinem Gespür für das über das Irdische Hinausreichende.

 

Der Dirigent

Georg Ratzinger war kein Mann der großen Gebärden. Ausladend dirigierende Gestik war ihm fremd. Zu seinem großen Gespür für Töne und Klang passte eine feine und eher unauffällige Art der Chorführung, in der sich Feinsinnigkeit und Respekt vor dem Klang der Musik und der darin enthaltenen Fülle zum Ausdruck brachte. Christian Heiß ist der Domkapellmeister im Jahre 2020 und Schüler Georg Ratzingers: „Georg Ratzinger zeichnete sich durch eine gewisse Eleganz beim Dirigieren aus. Er liebte die Weichheit der Töne, des Gesangs, er suchte wie kaum ein anderer den warmen, weichen Chorklang und forderte eine Bandbreite an Dynamik. Bekannt wurde die Aussage von Beobachtern, dass Georg Ratzinger es schaffe, eine Art „Jahrtausendpianissimo“ zustande zu bringen.“

Überliefert ist, wie Georg Ratzinger selbst das Unterscheidungsmerkmal der Domspatzen einschätzte. Auf die Frage, was den Regensburger Domchor von anderen Knabenchören unterscheide, antwortete er: „Bei uns ist mehr Wärme drin!“

 

Der Komponist

Viel komponiert hat Georg Ratzinger nicht. Zwei Beispiele seien an dieser Stelle genannt. Seine achtstimmige Komposition zum „O du fröhliche“ wird bis heute von seinen Nachfolgern und den Domspatzen, den ehemaligen und aktuellen, mit großer Begeisterung gesungen und gehört beinahe automatisch zum Weihnachtsprogramm. Seine Mess-Komposition „Missa L‘anno santo“ gilt als beeindruckendes Werk. Die Domspatzen schenkten ihm eine Aufnahme zum 95. Geburtstag.

 

Musikalische Schwerpunkte

Katholische Kirchenmusik in der Regensburger Tradition versteht sich als sinnlicher Klangspiegel der Liturgie. Georg Ratzinger stand in dieser Tradition und sah sie vor allem bei Komponisten wie Michael Haller, Orlando di Lasso und Giovanni Pierluigi da Palestrina verwirklicht. Ihre Werke gehörten und gehören zum Stammrepertoire des Chores.

Als Hauptvertreter des Barock schätzte Georg Ratzinger Johann Sebastian Bach. Seine Motetten, Choräle und Oratorien studierte er immer wieder mit den Domspatzen ein. Das Weihnachtsoratorium und die Johannespassion von Johann Sebastian Bach unter seiner Leitung gibt es als Aufnahmen.

Wolfgang Amadeus Mozart war für Georg Ratzinger einer der größten Komponisten aller Zeiten. Seine Werke verlangen meist das Zusammenspiel von Chor und Orchester. „Ein absolutes Lieblingsstück könnte ich nicht nennen“, erklärte der frühere Domkapellmeister. „Zu den Spitzenwerken, die meine größte Sympathie haben, gehört die leider Gottes unvollendete C-Moll-Messe, aber natürlich die Krönungsmesse und die kleinen Messen in B-, D- und F-Dur. Das sind reine Streichermessen mit Chor und Solisten, aber von einer großen Feierlichkeit und Gläubigkeit, wie ich finde.“

Georg Ratzinger begeisterte sich für die Kompositionen Josef Rheinbergers. Ob es sich nun um die kleinen Messen in G-Dur oder D-moll handelte oder um die große achtstimmige Messe in Es-Dur - es waren immer wieder Höhepunkte, wenn Georg Ratzinger einen unnachahmlichen Rheinberger-Klang mit den Domspatzen hervorzauberte.

 

Ratzinger und der Gregorianische Choral

Georg Ratzinger sah in der Pflege der gregorianischen Gesänge eine der grundlegenden Aufgaben der Domspatzen. Die Tradition dieser frühesten und ersten abendländischen Kirchenmusik aufzugreifen, war ihm selbstverständlich und wichtig. Im Mittelpunkt stand sie nur selten. Fehlen aber durfte sie nie.

 

Ratzinger und zeitgenössische Komponisten

Georg Ratzinger öffnete die Domspatzen für die moderne Musik. Vielen galten Komponisten wie Max Baumann, Fritz Schieri, Hermann Schroeder und vor allem Karl Höller als „gewöhnungsbedürftig“. Der Domkapellmeister kannte keine Scheu. Mit den Domspatzen trat er den Beweis an, dass auch moderne Messkompositionen – etwa von Karl Höller - die Würde der Liturgie mittragen.

 

Gewalt bei den Domspatzen

Im Jahre 2010 wurden die Domspatzen mit Vorwürfen konfrontiert. Es ging um körperliche Misshandlungen, die vor allem in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen bzw. Pielenhofen, aber auch im Internat und Gymnasium in Regensburg ausgeübt wurden. Und es gab Vorwürfe sexuellen Missbrauchs.

Auf der einen Seite verehren viele ehemalige Domspatzen den Domkapellmeister. Andere werfen ihm vor, nicht entschieden genug gegen Misshandlungen und Missbrauch vorgegangen zu sein.

Georg Ratzinger nahm am 9. März 2010 in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse Stellung. Darin verschwieg er nicht, auch Ohrfeigen verteilt zu haben. Wörtlich sagte er: „Die Ohrfeige vor allem war damals die nächstgelegene Reaktion auf eine negative Leistung oder ein Versagen (…) Ich habe am Anfang wiederholt auch Ohrfeigen ausgeteilt, aber eigentlich immer ein schlechtes Gewissen dabei gehabt. Ich war dann froh, als 1980 körperliche Züchtigungen vom Gesetzgeber ganz verboten wurden. Daran habe ich mich strictissime gehalten, und ich war innerlich erleichtert. (…) ich finde es eine gute Entwicklung, dass der Verzicht auf Ohrfeigen eine durchgehende Erkenntnis wurde.“

Der unabhängige Ermittler, Rechtsanwalt Ulrich Weber, wurde vom Bistum Regensburg beauftragt, das Geschehen zu durchleuchten und damit die Grundlage einer Aufarbeitung zu schaffen. Sein Bericht sieht keine Hauptverantwortung bei Georg Ratzinger, stellt aber fest, dass er nicht genügend eingegriffen habe.

Ulrich Weber heute: „Die damals herrschenden Verantwortlichkeiten boten Spielräume für Straftäter. Georg Ratzingers ausschließlicher Focus war erkennbar die Musik. Dennoch hätte er kraft seines Amtes aufmerksamer hinschauen und handeln können.“

 

Der verrauchte Traum

Der Weiße Rauch aus dem Ofen des Konklaves am 19. April 2005 griff zutiefst in das Leben Georg Ratzingers ein. Er hatte sich auf einen gemeinsamen Lebensabend mit seinem Bruder in Regensburg gefreut. Die Kardinäle aber wählten Joseph Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. Beide Brüder mussten Abschied nehmen von ihren Plänen.

Der Rhythmus des täglichen Anrufes aus Rom war schon eingespielt, denn Johannes Paul II. hatte Joseph bereits 1981 als Präfekt der Glaubenskongregation in den Vatikan berufen. Abends, wenn der Tag sich neigte, klingelte in Regensburg das Telefon.

Besprochen wurden Alltäglichkeiten, es gab „keine großen Diskussionen oder theologische Dinge. Wir bleiben auf dem Boden“. Die Telefonate dauerten nie allzu lang, denn, so Georg, „mir san koane Langtelefonierer.“ Er „ratschte“ gerne mit Joseph, von dem er berichtete, dass er auch als Papst „nicht auf Wolken schwebe, sondern die Realitäten durchaus wahrnehme“. „Mit Joseph natürlich“ rede er ihn an, „alles andere wäre unnormal und ein Krampf“. Wer beide gemeinsam erleben konnte, bekam auch mit, dass Bayerisch gesprochen wurde: „Unser Muttersprache ist nicht Deutsch, sondern Bayerisch - eine eigene Sprache sozusagen, neben dem Deutschen.“

 

Georg Ratzinger und Regensburg

Georg Ratzinger wohnte in der Luzengasse neben der Regensburger Synagoge. Von Regensburg wollte sich Georg nicht trennen. Rom war keine Option. Regensburg sei einfach lebenswerter: „Regensburg hat für mich etwas, was keine andere Stadt der Welt zu bieten hat: Sie ist meine Heimat!“


Letzte irdische Wegstrecke

Den für viele überraschenden Besuch des selber von Altersschwäche gezeichneten Bruders aus Rom empfand Georg Ratzinger als Bestärkung, Ermutigung und wohl auch als angemessenen irdischen Abschied.

Neunmal trafen sich die beiden hochbetagten Brüder in der Luzengasse. Den größten Teil der gemeinsamen Zeit verbrachten sie im Gebet und mit der Feier der Heiligen Messe. Sichtbar geworden sei, was am Ende aller Tage „wirklich wichtig“ ist, sagte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. Dazu zähle die Liebe der Eltern, das erste Sakrament im Leben eines Menschen, auch eines Priesters und sogar eines Papstes. Sie trage, wie man an beiden Brüdern sehen könne, „auch noch, wenn das Ende in Sicht ist“. Die für beide wichtige letzte Begegnung habe eine sehr emotionale, aber keinesfalls sentimentale Beziehung erkennbar werden lassen, die vor allem aus dem gemeinsamen Glauben an Christus lebe.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass Georg Ratzinger nun in seine ewige Heimat zurückgekehrt ist. Er hat diesen letzten Weg vor einigen Jahren beschrieben: „Der irdische Weg des Lebens endet nicht im Nichts. Er führt ins Licht. Er führt ins Leben.“

 

 

 

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