Identität entfalten, nicht verlieren – Interview mit P. Dr. Dietmar Schon über das 2. Symposium des Ostkircheninstituts Regensburg

10.10.2018

Kürzlich hat im Regensburger Salzstadel das 2. Symposium des Ostkircheninstituts Regensburg stattgefunden. Sein Thema lautete „Identität und Authentizität von Kirchen im ,globalen Dorf‛. Kirchliche Annäherung von Ost und West durch gemeinsame Ziele?“. Der Dominikaner P. Dr. Dietmar Schon sprach daraufhin im Interview über wesentliche Aspekte des Instituts sowie über Ergebnisse der hochkarätigen Veranstaltung. Die Fragen stellte Dr. Veit Neumann.

P. Dietmar, in welchem Verhältnis steht das Thema des Symposiums zum Auftrag des Ostkircheninstituts?

Zum Auftrag des Instituts gehört, Impulse für den ökumenischen Dialog anzubieten. Dazu müssen grundlegende Fragestellungen bearbeitet werden. Wir haben gefragt, inwieweit die Identität der Kirchen heute im Übergang ist. Dabei spielen theologische und nicht-theologische Faktoren eine Rolle. Entsprechend haben nicht nur Theologen zur Tagung beigetragen, sondern u.a. auch Soziologen und eine Psychologin, die sich mit Fragen der Entwicklung von Organisation befassen.

Gibt es Kernsätze, die als Ergebnis für das gesamte Symposium stehen könnten?

Ja: Erstens sind die jeweils vorhandenen Identitäten für die Annäherung und den Dialog von Kirchen nicht schädlich, vielmehr notwendig. Und zweitens entwickeln sich Identitäten in der Begegnung, auch bei Kirchen. Diese Veränderung vollzieht sich aber nicht im Sinne von Verlust oder einer leichtfertigen Aufgabe von Grundelementen, die die eigene Identität ausmachen. Das zeigt schon ein Blick in die Geschichte: die römische Kirche hat sich immer wieder durch den Kontakt mit dem christlichen Osten weiterentwickelt; umgekehrt gilt dasselbe. Orthodoxe und katholische Kirche haben dabei ihre Identität entfaltet, nicht etwa verloren.

Nun ging es beim Symposium ja wohl nicht ausschließlich und schon gar nicht hauptsächlich um Fragen der Geschichte.

Orthodoxer Hauptreferent war Metropolit Panteleimon aus Kongo-Brazzaville. Vielen ist unbekannt, dass das orthodoxe Patriarchat von Alexandria seit rund 100 Jahren im sub-saharischen Afrika präsent ist und dort große Missionserfolge erzielt. Der Metropolit hat mit seinen Erfahrungen aus der Mission ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt. Er hat gezeigt, dass die ausschließliche Konzentration auf Europa und seine geschichtlichen Zusammenhänge auf die Dauer wenig ergiebig ist, wenn es um katholische und orthodoxe Kirche geht. Es gibt neben der Ost-West-Achse auch die Nord-Süd-Achse. Und in der sogenannten Dritten Welt stehen die Kirchen und ihre Gläubigen vor ganz anderen Problemen, als hier in Europa. Wie die katholische Kirche ist die Orthodoxie heute weltweit verbreitet. Erfahrungen aus dem außereuropäischen Kontext können dem orthodox-katholischen Austausch neue und kräftige Impulse geben.

Sie sprechen von „heute“. Wie schaut es Punkto Informations-, Medien- und Wissensgesellschaft aus, um nur einige Stichworte zu nennen.

Gewiss spielen die von Ihnen genannten Zusammenhänge eine maßgebliche Rolle. Ich habe im Rahmen des Symposiums über „neue Herausforderungen“ gesprochen. Dazu gehören auch Veränderungen im Bewusstsein der Gläubigen. Heute bestimmt sich ihre Identität nicht mehr nur nach der Kirchenzugehörigkeit; zahlreiche weitere Faktoren aus dem kulturellen, politischen und sozialen Umfeld fließen mit ein. Diese Entwicklung beginnt nun auch in Ländern des Ostens. Deshalb stehen beide Kirchen, wenn auch zeitversetzt, vor ähnlichen Problemen und Herausforderungen. Es läge nahe, dass sich die orthodoxe und die katholische Kirche darüber austauschen. Wenn Gläubige in Ost und West dieselben Fragen haben, wäre es ökumenisch überzeugend, gemeinsame Antworten zu erarbeiten.

Nun kennt der Osten alle wesentlichen Entwicklungen der Digitalen Gesellschaft. Im Bereich der Informationstechnologie und des Internet finden vielfältige Prozesse der Vereinheitlichung statt. Das gilt ebenfalls für damit in Zusammenhang stehende Lebensstile.

Dass ich in Sofia Sushi essen gehen kann wie auch bei uns, sagt etwas aus. Es sagt aber nicht alles aus. Es gibt viele Faktoren, die das Bewusstsein der Menschen prägen. Dazu gehören nicht nur das Internet, sondern auch Kultur und Geschichte, soziales und politisches Umfeld, Mentalität und nicht zuletzt auch die gewachsene Tradition der Kirchen in Ost und West. Manche mögen einen globalen Einheitsbrei befürchten; ich glaube nicht, dass sich Identitäten in Nichts auflösen. Und nur unterschiedliche Identitäten können sich gegenseitig bereichern.

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