Man muss dem Gewissen nicht nur folgen, man muss es auch bilden – Professor Dr. Berthold Wald sprach bei einem Vortrag des Akademischen Forum Albertus Magnus über das Gewissen

04.11.2020

„Kann ich mit meinem Gewissen alles begründen?“ Dieser Frage stellte sich der Philosoph Professor Dr. Berthold Wald bei seinem Vortrag „Der Streit um das Gewissen“. Eingeladen hatte das Akademische Forum Albertus Magnus unter Federführung von Professor Dr. Sigmund Bonk. Bischof Dr. Rudolf Voderholzer und Weihbischof Dr. Josef Graf waren unter den Zuhörern. Die Veranstaltung fand noch vor dem Lockdown unter genauer Berücksichtigung aller hygienischen Vorgaben statt.

„Es ist das Verdienst von Professor Wald, unser Wissen über das Gewissen geschärft zu haben“, war das Fazit von Prof. Dr. Sigmund Bonk, dem Direktor des Akademischen Forum Albertus Magnus. Der Vortrag habe sich durch eine „kristalline Klarheit“ ausgezeichnet.

 

Das Gewissen – ein Schlüsselbegriff

Ein „Schlüsselbegriff moderner Gesetzgebung und moralischen Selbstverständnisses“, das ist, so Professor Wald, das Gewissen mittlerweile geworden. Es gelte als eine absolute Instanz moralischer Verbindlichkeit und zugleich als eine Art Tabuzone. „Wer sich auf sein Gewissen beruft, meint, von jeder weiteren Rechtfertigung seiner Handlungen entlastet zu sein“, lautet die Beobachtung Professor Walds.

Es gibt zwei Gewissen

„Sich damit zu beruhigen, in allem immer nur seinem Gewissen zu folgen, ist eine trügerische Sache. Dem Anspruch des Gewissens wird nur gerecht, wer sich unter den Anspruch des Guten stellt“, ist Professor Wald vielmehr überzeugt. Das Problem: Der Begriff „Gewissen“ werde zu ungenau verwendet. Es sei notwendig, zwischen unbedingtem und bedingtem Gewissen zu unterscheiden. Das – unbedingte – Urgewissen sei nichts anderes als das Wissen um einen Satz: „Du sollst das Gute tun und das Böse lassen!“ Dies sei der Inhalt aller Gebote des natürlichen Sittengesetzes und naturhaft gegeben. Gerade nicht naturhaft gegeben sei jedoch die konkrete sittliche Urteilsfähigkeit, das – bedingte – Situationsgewissen. Dieses sei jedoch meist gemeint, wenn von „Gewissen“ die Rede ist. Das Situationsgewissen kann aber durchaus irren, ist Professor Wald überzeugt.

 

Was, wenn sich das Gewissen irrt?

Was ist, wenn sich mein (Situations)Gewissen irrt? Muss ich ihm dann folgen? Ja, erklärt Prof. Wald mit Bezug zu Thomas von Aquin. „Ein Wille, der sich von der Vernunft, ob irrend oder nicht, abwendet, ist immer moralisch schlecht.“ Aber: Daraus folge nicht, dass man dann automatisch gut handle. „Jedes Gewissensurteil verpflichtet, aber nicht jeder Irrtum entschuldigt.“

Pflicht zur Gewissensbildung

Was soll man also tun? Es ist möglich, dass sich mein Gewissen irrt. Gleichzeitig habe ich die Pflicht, meinem Gewissen zu folgen. Wie komme ich aus dieser Zwickmühle heraus? „Die Pflicht, seinem Gewissen zu folgen, schließt die Pflicht ein, sein Gewissen zu bilden.“ Maßstab für die Gewissensbildung sei das moralische Gesetz. Das (Situations)Gewissen sei nicht nur fähig, sich zu entwickeln. Es habe diese Entwicklung (zum Guten) sogar nötig. Für den Fall, dass diese Beobachtung kein Gehör findet, hat Prof. Wald eine dunkle Prognose: „Man kann nur warnen vor einer unreflektierten Überhöhung oder Quasisakralisierung des Gewissens, die im Extremfall zu einer kaum mehr wahrgenommenen Diktatur des Gewissens führen kann, zum ‚Umschlagen in das Böse‘, wie Hegel es genannt hat.“

Prof. Dr. Berthold Wald, Studium in Freiburg und Münster; Promotion ebd. im Jahre 1986; Assistent, Gastprofessor in Rom; die Habilitation erfolgte 2002. Noch im selben Jahr Berufung auf die Professur für Systematische Philosophie an der Theologischen Fakultät Paderborn (bis zur Emeritierung 2018 ); daneben internationale Vortragstätigkeiten. Von 2009 bis 2011 war Prof. Wald auch Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn. Er ist Autor vieler Schriften und gilt insbesondere als Experte für das Lebenswerk von Josef Pieper, dessen Gesamtwerk er in acht Bänden herausgegeben hat.

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