Durch das Kirchenjahr: Sind wir alle heilig?

16.01.2020

… mit Benedikt

Zweiter Sonntag im Jahreskreis A – Erster Korintherbrief 1,1-3

Was wir an diesem Sonntag in der zweiten Lesung hören, ist ein Donnerschlag. Ein Donnerschlag indes, der leicht zu verhallen droht, der gerne und schnell überhört wird. Wir hören den Beginn des ersten Briefes, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt. Er eröffnet und spricht die Adressaten direkt an. Paulus schreibe zusammen mit Sosthenes „an die Kirche Gottes, die Korinth ist – die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen“ (1. Korintherbrief 1,2).

Man könnte das jetzt vielleicht als pathetische Sprache abtun. Man könnte möglicherweise auch einwenden, diese Worte seien ja an die Gemeinde in Korinth vor mittlerweile beinahe zweitausend Jahren gerichtet. Was hat das schon mit uns zu tun? Nun, einiges.

Die Briefe des Apostels Paulus sind ja nicht Teil der Bibel, weil sie ein kirchenhistorisches Dokument ersten Ranges sind. Das sind sie natürlich; wäre das aber das einzige Kriterium, so hätten sie ihren Platz in einer kirchengeschichtlichen Sammlung verdient, nicht aber in der Bibel.

Die Texte des Apostels Paulus sind Teil der Heiligen Schrift, weil die Kirche von Anfang an davon ausging, dass sich aus ihnen eben nicht nur Lehren für eine ganz konkrete Situation in einer ganz konkreten Gemeinde ableiten lassen, sondern weil in ihnen etwas enthalten ist, das alle Christen angeht.

Und das heißt: Dieser Text geht uns auch jenseits kirchengeschichtlich spannender Fragen etwas an. Das heißt: Paulus spricht Christen direkt als „Geheiligte“, als „berufene Heilige“ an. Diese Aussage muss, wenn wir sie wirklich ernst nehmen, schockieren. Blicken wir einmal in unsere Gemeinden, zu denen wir ja auch selbst gehören. Sind die Leute denn alle heilig? Anders gesagt: Sind wir selbst heilig? Ich glaube, die wenigsten von uns würden das von sich selbst behaupten.

Es scheint ein Paradoxon zu sein: Wir bekennen die Kirche im Glaubensbekenntnis als „die heilige“ und wissen doch um ihre Sündhaftigkeit. Wir wissen um die vielen Fehler, die Christen jeden Tag begehen – kleine, aber auch sehr große Sünden. Und diese Kirche ist heilig? Größer scheint der Kontrast zwischen Berufung und Realität kaum mehr möglich zu sein. Und doch stimmt es. Die Kirche ist heilig, weil sie der Leib Christi ist. Damit kommt einem jeden von uns die Würde eines Heiligen zu. Und gleichzeitig ist unser Leben von der Sünde beherrscht.

Die heilige Kirche besteht aus sündigen Menschen, daran gibt es nichts zu rütteln, das können wir nicht leugnen. Das geht ja sogar so weit, dass sich innerhalb der Kirche Strukturen entwickeln können, die wir mit gutem Recht als sündhaft bezeichnen dürfen. Und doch bleibt da diese hohe und würdevolle Berufung: Wir sind heilig als Teil des Leibes Christi. Und als solcher sollen wir heilig sein, heilig werden. Da lohnt sich doch ein kurzer Blick auf das eigene Leben: Sind wir heilig? Wohl nicht, zumindest nicht immer. Aber: Streben wir wenigstens danach? Stehen wir auch nach dem Straucheln auf, gehen weiter auf dem Weg der Heiligkeit?

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