Durch das Kirchenjahr: Ist Gott ungerecht?

15.09.2020

... mit Benedikt

25. Sonntag im Jahreskreis A – Matthäus 20,1-16

„In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: 1Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. 2Er einigte sich mit den Arbeiten auf einen Denár für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. 3Um die dritte Stunde ging er hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. 4Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. 5Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. 6Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? 7Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! 8Als es Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! 9Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denár. 10Als dann die ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denár. 11Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn 12und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. 13Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denár mit mir vereinbart? 14Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. 15Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? 16So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.“

Matthäus 20,1-16

 

Wir sind es heute gewohnt, Lohn als Stundenlohn anzugeben und berechnen. Der Mindestlohn etwa bemisst sich am Entgelt für eine Arbeitsstunde. Gerecht ist es, wenn sich der Stundenlohn in etwa an dem orientiert, was für die Arbeit üblich ist. Und gerecht ist es, wenn derjenige mehr bekommt, der mehr arbeitet. Gerecht erscheint es zunächst auch, dass der mehr verdient, der mehr Verantwortung übernimmt. Das Evangelium dieses Sonntags zeigt uns ein ganz anderes Lohnsystem auf. Es erscheint zunächst alles andere als gerecht: Der Besitzer eines Weinbergs braucht Tagelöhner, die ihm bei der Weinernte helfen. Er heuert direkt am Morgen Arbeiter an und verspricht ihnen einen Tageslohn von einem Denár. So weit, so gut. Allerdings geht er nun beinahe stündlich zum Marktplatz, um immer weitere Arbeiter anzuheuern. Mit ihnen vereinbart er keinen festen Lohn: „Ich werde euch geben, was recht ist.“ Die Arbeiter verlassen sich auf sein Wort und zweifeln scheinbar nicht daran, dass er am Ende des Tages auch tatsächlich einen gerechten Lohn auszahlen werde.

Und nun kommt es am Abend zur Auszahlung – und alle bekommen gleich viel, einen Denár. Während die einen den ganzen Tag lang geschuftet haben, kamen die anderen nur für die letzte Stunde. Und dennoch sollen sie gleich entlohnt werden. Alles andere als gerecht, meint man. Und tatsächlich beschweren sich die Arbeiter vom frühen Morgen. Denn der Gutsherr hat ja hier alles außer Acht gelassen, was zu gerechter Bezahlung gehört. Man stelle sich nur einmal vor, dieses Modell würde Schule machen: Wer würde denn da noch den ganzen Tag lang arbeiten, wenn auch eine einzige Stunde schon ausreichen würde? Und wer würde verantwortungsvolle und wie in diesem Fall mühsame Arbeiten in der Mittagshitze übernehmen, wenn er für seine Bequemlichkeit genau das gleiche erhielte?

Natürlich, man könnte nun einwenden: Die Arbeiter, die am frühen Morgen begonnen haben, können sich eigentlich nicht beschweren. Ein Denár war vereinbart, einen Denár haben sie auch bekommen. Ihr Verdienst wird ja nicht mehr, wenn die anderen Arbeiter entsprechend weniger erhalten. Und dennoch ist es ungerecht: Denn vollkommen unterschiedliche Leistungen werden vom Gutsherren einfach so gleich behandelt. Und nun sagt Jesus uns: Mit dem Himmelreich ist wie mit eben jenem Gutsbesitzer. Ist denn Gott so ungerecht?

Nein, Gott ist gerecht. Man spricht im Anschluss an dieses Gleichnis auch von „austeilender Gerechtigkeit“. Denn man kann die Geschichte natürlich auch anders lesen: Jeder der Arbeiter erhält das, was er zum Leben braucht. Die Arbeiter des Abends, die den ganzen Tag über kein Glück hatten und von niemandem angeheuert wurden, sollen auch das bekommen, was sie nötig haben. Und gleichzeitig spricht das Gleichnis bewusst vom Himmelreich. Jesus sagt nicht, Gott sei wie der Gutsbesitzer. Sondern das Himmelreich. Dieses Reich stellt alles auf den Kopf, was menschlicher Logik nach angemessen und erwartbar wäre. Jeder würde denken, die einen Arbeiter bekämen einen Denár, alle anderen einen entsprechenden Anteil, je nachdem, wie viele Stunden sie gearbeitet haben. Aber nein: Das Reich Gottes funktioniert anders, als menschliche Logik meinen möchte.

Für uns ist diese Logik des Gottesreiches vielleicht nicht immer angenehm. Vielleicht fühlen wir uns auch einmal vor den Kopf gestoßen. Auch die Lehre Jesu, die Letzten werden die Ersten sein, die Ersten aber Letze, ist nur angenehm, wenn man zu den Letzten gehört – umgekehrt aber kaum. Das Reich Gottes fordert heraus. Es fordert heraus, im Handeln Gottes zu erkennen, dass er gut ist – und möglichst nicht mit bösen Augen darauf zu blicken.

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